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Dicke Bücher sind gute Bücher

Welche Verhältnisse verhindern die Gestaltung von Schriften? Gruselige Zusammenhänge, beleuchtet von Martin Tiefenthaler auf der TYPO Berlin 2011 „shift“.

Bis heute wurde in Österreich keine mengentexttaugliche Schrift entworfen. – Wie bitte?! Martin Tiefenthaler zeigt mit „Beispielsweise Österreich“, wie so etwas sein kann. Welche politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse sind dafür ursächlich? Was fördert oder verhindert die Entwicklung von Schrift? Tiefenthaler geht es um nicht weniger als „Schriftdesign, Körper und Politik“. Was für eine Ansage! Der Mitbegründer der tga (Typographische Gesellschaft Austria) lehrt seit 1998 in Wien Typografie und Semiotik. Weiterhin leitet er das Atelier IDIIDIIIDesign. Wie spricht man das aus? Jedenfalls geht es ihm als erste Dimension um die Idee, plus zwei- und dreidimensionales Design. Das hätten wir.

Nun wird es komplexer: „Das Wesen von Typografie ist Grenzüberschreitung“. Deshalb habe ein so begrenztes Land wie Österreich allein durch seine geografische Lage als Binnenstaat und seine nicht vorhandenen Möglichkeiten – der Ausdehnung, der expansiven kulturellen Verbreitung – „ein Problem“. Auf andere österreichische Begrenztheiten verweist Tiefenthaler im Verlauf seines Vortrags immer wieder (mit spürbarem Groll).

Zwei Arten der Übersetzung beschäftigen ihn typografisch wie theoretisch: die Übersetzung von Gedanken in klare Sätze, und die Übersetzung dieser Sätze „in die Form auf dem Papier“.

Nach diesen schnell und entschieden vorgetragenen Verortungen steigt der Energiepegel weiter. Martin Tiefenthaler wird vehement: „Es braucht viel Text, vielfältigen Text, um ein Weltbild zu verhandeln, um über sich Auskunft zu geben“. Kurzer Text werde leicht zum Befehl, oder als Befehl genutzt. Er beweist mit wenigen Zeitungstitelseiten und absurd verkürzten Überschriften: „Mengentext ist das Merkmal typografischer Kultur“.

Womit wir wieder beim spezifisch österreichischen und einem politisch-medialen Fakt an sich wären. Dicke Bücher seien eher layout-unabhängig (weil es nur auf die Qualität der Satzschrift ankommt), also können auch inhaltlich schlechte dicke Bücher gute Bücher sein, „weil ich meine eigenen Gedanken dazu fasse“, weil die Lesezeit dies erlaubt. Tragischerweise werden immer mehr Medien für verkürzte Inhalte konzipiert; die vielen kurzen Texte (via E-Mail, SMS, Twitter & Co.) „zerhacken uns den Tag“.

Eine große Gefahr gehe auch, und hier beruft sich Tiefenthaler auf Jürgen Siebert, von individualisierten Nachrichten aus, denn diese bestätigen mir immer wieder und immer mehr nur mein eigenes Weltbild. Mein Horizont wird stetig verkleinert und ich verliere die Übersicht.

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Ja, das ist gefährlich. Die humanistischen, antireligiösen, antihierarchischen Geisteshaltungen in der europäischen Renaissance im Europa des 15. Jahrhunderts – Tiefenthaler betrachtet sie als „Ausbruch aus dem Mainstream“ – seien immer vom Buchdruck getragen worden. Buchdrucker waren Verbreiter neuer Ideen, oft genug unerwünschter Ideen, und Anfechter der bestehenden Machtverhältnisse. Tiefenthaler zeigt Beispiele unter anderem von Pietro Bembo, Aldus Manutius, dem Erfinder des Taschenbuches, sowie dem französischen Drucker Simon de Colines, der 1521 (!) ein über 400 Seiten starkes (!!) Buch über berühmte Frauen (!!!) veröffentlichte.

Gedruckt 1521 von Simon de Colines (herausgegeben von Johannes Ravisius): ein gebührend dickes Buch Über bemerkenswerte und berühmte Frauen (De memorabilibus et claris mulieribus).

Erwähnt sei auch Robert Estienne (Stiefsohn von Simon de Colines und am Druck von De mulieribus beteiligt), der wegen einer die seinerzeit gültige Bibelausgabe kritisch hinterfragenden Biblia (er hatte sie neu und korrekter übersetzt und versehen mit pädagogisch gemeinten, persönlich gefärbten Erläuterungen, die den Kirchenleuten nicht passten) in die Schweiz emigrieren musste.

Kurz: So mancher Drucker wurde für seine Arbeit – für seine Geisteshaltungen – verfolgt, bestraft und hingerichtet.

Drucker als Outlaws, Punks, potentielle Gefahr für die öffentliche Ordnung?

Bücher waren immer Macht- und Propagandamittel einerseits und revolutionäre Medien andererseits, in Abhängigkeit von den jeweiligen geistig-politischen Strömungen. So konnte Hendrik van der Keere im Holland der Reformation, in einem Klima von Weltoffenheit und Toleranz, ohne größere Gefahr für Leib und Seele Diskurse anzetteln – denn hier bedeutete „Diskurs“ nicht, dass einer von zwei Streitenden zu Tode kam.

Tiefenthaler zeigt eine Reihe von beeindruckenden Buchbeispielen aus Italien, Frankreich, England … und verweist noch einmal auf Österreichs an Schriftdesignern und -designerinnen so arme Geschichte, und das mitten in Europa. Er stellt die konkrete Frage nach dem österreichischen Beitrag. Denn auch in Österreich wurde gedruckt, naturgemäß:

  • 1502 arbeitete Johann Winterberger, der erste bekannte Drucker in Wien, mit impor- tierten Lettern. Eine Schriftgießerei ist in Österreich erst etwa 60 Jahre später nachweisbar; von deren Arbeit jedoch sind keine Zeugnisse erhalten.
  • Ein Johannes Edler von Trattner entdeckte die Zeichen der Zeit und wusste sie strategisch geschickt für sich zu nutzen. Leider besaß er weder handwerkliche, künstlerische noch geistig-inhaltliche Ambitionen; ihm ging es rein um seinen merkantilen Vorteil und seine Position. Selbst als Hofdrucker „kupfert er fremde Bücher ab“ und sichert sich das alleinige Recht, Lettern zu importieren. Seine Druckerzeugnisse sind schauderhaft. Wir sehen schlechte Nachahmungen englischer und französischer Vorbilder: völlig verhunzten Schriftsatz mit brutal ungleichmäßigen Spatien innerhalb einer Zeile oder eines Wortes. Und dabei handelt es sich bei dem von Martin Tiefenthaler gezeigten Trattner’schen Druckbeispiel um ein Schriftmusterbuch – wo wir also davon ausgehen können müssten, dass er einige Mühe darauf verwendet hat.
  • Carl Fasol gestaltet um 1868 in Wien wahnwitzige Tafeln mit Ornamenten und Flächen aus 2-Punkt-Schrift, die inhaltlich nichts hergeben.
  • 1902 entwirft Alfred Roller eine Jugendstil-Plakatschrift und ist damit seiner Zeit weit voraus, endet allerdings als von Hitler geschätzter Bühnenbildner und bricht 1905 mit der Sezession. Wes Wilson und Victor Moscoso nutzen die großzügige, schwingende Plakat-Schrift Rollers ab Mitte der 1960er Jahre, um damit dem Freiheitsgefühl ihrer Zeit psychedelischen Ausdruck zu verleihen. Ihre knallbunten, wabernden, schwingenden Schriftteppiche auf Konzertplakaten und Plattenhüllen werden stilprägend für die 60er und 70er Jahre. Dass das bestens funktioniert, erstaunt angesichts der von Tiefenthaler beschriebenen so beengten und beengenden Verhältnisse in Österreich zur Zeit der Entstehung dieser Schrift. Damit nicht genug: 2003 gestaltet die kalifornische Band Fu Manchu ihr Logo mit Rollers Schrift – was zeigt, wie offen und vielseitig sie ist: Jugendstil meets Stoner Rock.

Insgesamt jedoch gibt es verblüffend wenig österreichische Zeugnisse für Schrift, kaum Schriftmusterbücher made in Austria, keine Belege für eine eigene Typotradition. Martin Tiefenthaler erinnert daran, dass reges Geistesleben und Intelligenz die Voraussetzung für Buchproduktion seien …

… und holt aus zur „Gegenaufklärung“, bzw. zum „Körper in der Gegenaufklärung“.

Verbotene Bücher und ein Toter am falschen Platz

Dazu zwei wichtige Begriffe: Submacht beschreibt, wie „Unterwürfigkeit sich innerlich einschreibt“ (eine Zuhörerin verweist später auf Sigmund Freud und das Über-Ich); Mem oder Meme meint ein Denkschema, das traditionell weitergegeben wird und das Denken – Fühlen, Urteilen, Verhalten – eines Menschen grundsätzlich prägt (wie der Monotheismus oder die Idee der Erbsünde in christlichen Gesellschaften).

  • Zurück nach Wien für ein besonders bizarres Beispiel: das Verzeichnis verbotener Bücher (catalogus librorum prohibitorum) erscheint 1765 und wird innerhalb kürzester Zeit zum Renner – und bald in sich selbst aufgenommen. Das heißt, im Rahmen einer Folgeauflage 1777 wurde es ebenfalls zum verbotenen Buch deklariert und musste sich in sich selbst einschreiben …
  • Tragisch auch folgende Geschichte: Franz Hebenstreit von Streitenfeld zählt zu den bedeutenden Wiener Aufklärern; er veröffentlichte ein Werk über die Unterschiede zwischen Arm und Reich („Unter Menschen“/„Homo hominibus“). In Prag studierte er Philosophie- und Rechtswissenschaft, in Wien Philosophie und Medizin, führte ein abenteuerliches Leben beim Militär (mit Desertion und Fluchtversuch nach Amerika), kehrte zur österreichischen Armee zurück und war 1791 Platzoberleutnant in Wien. Heute ist Franz Hebenstreit so gut wie vergessen. Sein Schädel wird im Wiener Kriminalmuseum in der Leopoldstadt zur Schau gestellt. Tiefenthaler und andere kämpfen für eine Umbettung (Rehabilitation).

Wir kommen der eigentlichen „Gegenaufklärung“ näher.

Ungelenke Schriftkörper

Eine Handschrift wird nicht nur mit der Hand geschrieben. Ihr Duktus wird von der gesamten Körperhaltung bestimmt – denn die Haltung des Körpers wirkt sich ganz unmittelbar auf das Schreiben aus. Schrift und insbesondere Handschrift sind stets „die Spur von einem Körper“. Das jeweilige Schreibmedium wird mit dem Körper bewegt und „bedient die Ergonomie unseres Lesevorgangs“. Wenn Buchstaben unkörperlich gestaltet werden, kann das also nur von einem durch Machtstrukturen ver-/behinderten Körper ausgehen, so Tiefenthalers These. Der Körper „schreibt sich ein“. Unglückliche, unterdrückte Körper produzieren zwangsläufig unansehnliche Schrift – oder gar keine.

Kurz: Ein Körper, der sich nicht frei bewegen kann, der verspannt ist, bewegt sich unergonomisch und ruft „ungelenke Buchstaben“ hervor.

Als Beleg dafür zeigt Martin Tiefenthaler eine Tafel aus der österreichischen Kaiserzeit, ein offizielles, wichtiges und daher mit einigem Aufwand produziertes Schreibstück in schwerem Metall. Und doch ist hier jeder Buchstabe ein „Gustostückerl an Wahnsinn“.

Die Lettern sind allesamt in sich schon schlecht proportioniert; sie sehen seltsam unlebendig aus, ungelenk wie unterdrückte „Körper, die kein Bewusstsein für sich haben“. Das gesamte Erscheinungsbild der Schrifttafel ist ungut, verquer. Hier entfalte sich „ein ohnmächtiger Gestus“.

Den Unterschied zwischen gelenk und ungelenk zeigt Tiefenthaler auch anhand zweier Bilder von Menschenkörpern, die jeweils nach hinten überhängen. Der eine jedoch sieht dabei sehr geschickt und gelenkig aus; es handelt sich um eine Person, die Yoga macht. Im Gegensatz zu diesem körperlichen Selbst-Bewusstsein zeigt das andere Bild einen bewusstlosen, halb von der Bank gestürzten Trinkbruder, der in fast gleicher Haltung deutlich verunglückt wirkt.

Kurz: Sprache und Schrift haben ganz unmittelbar mit Körperlichkeit zu tun.

Man nehme den lateinischen Ursprung: „Articulatio“ ist das Gelenk.

Das lässt begreifen, warum hierarchische Machtstrukturen, harte religiöse und/oder weltliche Zensur die Verbreitung von Schrift, die Gestaltung und freie Nutzung von Typografie unterbinden oder die Ergebnisse deformieren. Es geht über den Körper.

Gruselig. Zumal der Gedanke, wo und wie überall auf der Welt solche Macht- und Restriktionsstrukturen greifen und die freie Bewegung, die unbefangene Artikulation einschränken oder verhindern.

Für Österreich ist Rettung in Sicht: In den letzten 10 Sekunden seines Vortrags, wie eingangs versprochen, zeigt Martin Tiefenthaler die (nicht einmal so kurze) Namensliste neuer österreichischer, jawohl: ÖSTERREICHISCHER Schriftgestalterinnen und -gestalter. Tiefenthaler erinnert an das Kriterium Mengensatz-Schrift als Kennzeichen für typografische Kultur und betont damit den Beitrag dieser neuen Generation. Mit ihrer Arbeit der jüngsten Jahre markieren sie den Wendepunkt: Es hat sich einiges getan im originär österreichischen Mengensatz.

Dass er selbst maßgeblicher Wegbereiter und -begleiter einer eigenständigen österreichischen Typografie ist, erwähnt nicht Martin Tiefenthaler selbst (hätte er sich sonst womöglich selbst in seine eigene Liste einschreiben müssen?) – sondern eine Wissende aus Wien, die sich umgehend zu Wort meldet.

Großer Applaus.

PS

Mehr über Martin Tiefenthaler und seine Arbeit auf der Website seines Studios idiidiiidesign. Hier geht es zur von ihm 2002 gegründeten Typographischen Gesellschaft Austria (tga). Über den Schweizer Grafiker Jost Hochuli, den er im zweiten Bild so herzlich umarmt, sagt Martin Tiefenthaler, dessen Buch „Das Detail in der Typografie“ habe sein Leben verändert – „und jetzt darf ich mit ihm befreundet sein“.

Martin Tiefenthaler empfiehlt uns die Befassung mit Wilhelm Reich (1897–1957). Der Psychiater, Psychoanalytiker, Sexualforscher und Soziologe aus Galizien weist mit seiner Vegetotherapie 1934 den Weg zu heutiger Gestalt- und Körperpsychotherapie. Er verfasste eine grundlegende „Massenpsychologie des Faschismus“ und musste in die USA emigrieren. Auch dort wurde er verfolgt und bestraft. Seine Bücher und seine Orgon-Akkumulatoren, mit denen er biologische (Lebens- und Sexual-)Energien erforschte, wurden 1955 gerichtlich verboten und vernichtet.

Hier eine typisch boulevardeske und (Achtung) verkürzte Beschreibung des Wirkens von Wilhelm Reich: Warum guter Sex heilen kann.

Für historische Details und Namen österreichischer Schriftgestalter/innen wenden Sie sich bitte direkt an Martin Tiefenthaler, der zum beschriebenen Themenkomplex eine wissenschaftliche Arbeit in Vorbereitung hat.

Für die Annäherung an spezifisch Österreichisches auf literarischem Wege gibt es kaum besseres als die (adäquat dicken) Bücher von Thomas Bernhard. Seine Heimatkritik, sein häufig als Genörgel und Verrat an Österreich reduziert gedeuteter Gestus, ist letztlich Verzweiflung (gepaart mit grandiosem Humor) angesichts des selbst-unbewussten Umgangs großer Teile der österreichischen Bevölkerung mit eigenen Traditionen, den auch Martin Tiefenthaler anprangert. Zum Einstieg:

Das Fürchten (und das Überleben innerhalb von Grenzen) lehrt uns Marlen Haushofer in einem ganz und gar außergewöhnlichen Roman aus den 1960er Jahren:

Unter den österreichischen Autoren der jüngeren Generation ragt der Wiener Xaver Bayer heraus. Er übersetzt den Strom seines Bewusstseins und seiner Beobachtungen detailliert und dabei wie absichtslos in eine glasklare, ruhige, ganz präzise Sprache, die in ihrer Kontrastwirkung die Wahrnehmungsflut und wüsteste innere Zustände des Autors umso deutlicher macht:

Und für die ganz Hartgesottenen:

 

Erstmals veröffentlicht am 24. Mai 2011 auf dem Blog der TYPO Berlin (hier überarbeitet). Fotos: © Harry Keller (oben) und © Alexander Blumhoff (unten, Martin Tiefenthaler mit Jost Hochuli) – vielen Dank.