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Die Großzügigkeit der Intelligenz

3 Fragen an @NeinQuarterly aka Professor Eric Jarosinski, Urheber eines transatlantischen Twitter-Phänomens.

An einem Sommersonntag 2013 in Berlin lade ich ihn zum Frühstück ein. Es werden fünf hitzige Stunden daraus, im Garten bei Luc(as) de Groot, mit einer schwindelerregenden sprachlichen und thematischen Bandbreite. Flirrend schon dieser Auftakt. Und viel zu kurz. Noch viel zu lange bis zu Jarosinskis Vortrag bei Edenspiekermann – außerdem wollte der gut vorbereitet sein. Dazu treffen wir uns auf der Potsdamer Straße: Edenspiekermann-Büro inspizieren, Eric (Jarosinski) und Erik (Spiekermann) bekanntmachen, Themen und Anknüpfungspunkte sondieren. Letzteres bei einem Schnitzel in der Joseph-Roth-Diele.

Die Laune des geglückten Augenblicks flugs genutzt für drei Fragen, die über das Schnitzel hinausgehen. Eric, drei Fragen, drei kurze Antworten, möglichst in einem Satz? Gern. Ein Diktum aus unseren Gartengesprächen habe ich immer wieder im Kopf, deswegen das als erstes:

1. Eric, warum ist Intelligenz großzügig?

Er verstummt. Schlagartig. Schluss mit angeregtem Plaudern.

Oh je.

Es ist wahrscheinlich jetzt die schwierigste Frage am Anfang?

„Ja.“

Er lacht. Gequält. Oh je! Mißglückter Auftakt.

„Tja.“

Er atmet durch: „Das heißt vor allem, dass man nicht ständig das Gefühl hat, dass man zeigen muss, wie intelligent man selber ist – eher versuchen muss, eine Ebene zu finden, auf der man sich austauschen kann. Und dass das sich dann entwickeln muss. Nicht zu denken, der andere versteht nicht.“

Alles Konkrete geht vorbei

„Mit meinen Studenten, zum Beispiel. Wie geht man an ein Thema heran, welche Fragen kann man stellen? Meine Aufgabe ist vor allem, den richtigen Umgang damit zu finden. Vor allem auch mit der eigenen Kultur. Denn alles Konkrete geht vorbei. Das Deutsche ist eher so eine Art Zufall. Ich will mich mit Kulturtheorie beschäftigen. Viele dieser Konzepte sind ja eigentlich gar nicht so weit von uns entfernt.“ Wie geht er damit um? „Beispiel: Ich bekomme eine Frage, die ich nicht beantworten kann. Und ich zeige das. Dass ich es momentan nicht weiß. Jeder sitzt da mit dem Smartphone und man könnte das googeln, aber genau das will ich nicht. Ich will, dass wir das zusammen durchdenken. Darum geht es, um diesen Denkprozess. Ich finde, die Aufgabe ist es, dass man diese Prozesse befördert – dass man die richtigen, die produktiven, die herausfordernden Fragen stellt“, beschreibt Jarosonski sein akademisches Selbstverständnis. Und fügt hinzu, vom wem die guten Fragen oft kommen: „Das sind ja nicht immer die Musterschüler.“

Kurzes Innehalten.

„Mein Ziel ist vor allem dieser Denkprozess, ,Critical Thinking‘, im Moment in aller Munde. Das ist die Aufgabe: das ,Thinking‘.

Blick aufs Schnitzel. Griff zum Besteck.

„Ja, das meine ich, genau das. Meine Aufgabe ist es dabei zu helfen, eine Aufgabe oder eine Frage zu Ende zu denken, oder weiter zu denken.“

Schnitzelstück abgeschnitten. Hängt in der Luft.

„Mein Beitrag zur Lehre ist dann vielleicht, dass es tatsächlich zwei, drei Arschlöcher weniger gibt.“

(Anm. der Red.: Die gibt es bekanntlich in allen Bereichen. Näheres zur Identifizierung/Vermeidung von Arschlöchern – Arseholes (BE), Assholes (AE) – im Interview mit Erik Spiekermann. Bitte erst hier weiterlesen.)

Zugänge schaffen, weniger leiden

„Man muss ja in dieser Welt auch leben. Man hat ja die Hoffnung, diese Welt ein bisschen besser zu machen. Dass der Umgang, oder die Aufgabe, ein bisschen anders wird. Mein Interesse war eher politischer als journalistische Art – das Theoretische übersetzen in die Alltagssprache. Man will diesen Zugang. Man will diese Brücke. Und wenn man diese Brücke baut, dann wird sie auch genutzt.

Die häufigst gestellte Frage: Was war eigentlich das Thema? Why does it matter? What’s at stake? Was für Folgen? Das verlange ich von meinen Studenten. Und dazu gehört eine gewisse Intelligenz, die ihre Grenzen, ihren Raum kennt, und die Grenzen des Raumes, in dem man sich bewegt. Ein Tweet zum Bespiel dazu war ,Academia is politics for smart people. Smart, bitter, powerless people.‘ Und dann: ,Politics is Hollywood for ugly people‘.“

Darauf einen Biss ins Schnitzel.

„Es geht um ,Cultural Capital‘, und zwar im wörtlichen Sinne: ,Ach, du kannst kein Englisch, raus‘“. Er macht eine wegwerfende Geste. „Es geht nicht um viel Macht, aber deshalb wird es auch so politisch. In Zeiten von immer weniger Unterstützung für die Geisteswissenschaften wird es immer schwieriger. The rats fleeing the sinking ship. Ich habe zur Zeit vier Doktoranden – und kein Wunder, das Thema, also der Hashtag „#despair“ kommt am besten an bei vielen. Vielleicht geht es darum, dass man einfach mal anerkennt, was für ein Leiden das auch ist.“

Apropos Leiden …

2. Eric, warum ausgerechnet Deutsch?

Waren es Inhalte, Form oder Klang? Gab es eine Initialzündung?

„Da steckt eine gewisse Ironie in der Antwort. Denn was mich bezaubert hat, war Brecht: der Entzauberungskünstler. Denn was es mir sehr angetan hat, damals in Amerika mit 18, 19 – das war etwas völlig Neues –, dass man Politik so in die Arbeit reinzieht. Erst mit Brecht ist mir klargeworden, was da für ein Zusammenhang besteht zwischen Theater und Politik. Ich besuche keine Brecht-Aufführungen. Ich lese Brecht viel lieber. Ich finde wichtig, was für ihn wichtig war: Was funktioniert? Er war nicht orthodox, kein Dogmatiker.“

3a. Was ist das Schönste am Deutschen?

Sanftes Augenverdrehen, Wegkucken, Nachdenken.

„Obwohl die Sprache für die Länge bekannt ist: die Kürze. Zum Beispiel ,doch‘.“

Innehalten. Lächeln. Schnitzel wird kalt.

Praktisches utopisches Denken – und Selbstkritik

„Die Kenntnis von einer anderen Kultur ermöglicht einen schärferen Blick auf die eigene Kultur. Das ist eine Art praktisches utopisches Denken. Man weiß es, und man erlebt es, das ist keine eingebildete Theorie. Zum Beispiel, wie wir hier sitzen neben einem ,Bestattungsinstitut‘. Was soll man da machen. Manchmal stehen auch Preise dran, im Schaufenster. Das wäre so was von verpönt in Amerika. In vielen Hinsichten ist der Kapitalismus viel krasser in Europa. Oder es ist die Frage: krasser oder ehrlicher? Das hat vielleicht doch eine sehr logische Funktion innerhalb der Kultur. Erstens der Begriff ,Bestattungsinstitut“, also das Wort an sich. Dass die Wissenschaft gleich dabei ist. Dann, dass es Glasfenster hat, Schaufenster, in der Dinge stehen. Das gibt es in Amerika nicht. Da gibt es keine Schaufenster zum Tod. In der Regel haben wir: Kolonialstil, weit abgelegen, kein Geschäft neben Kiosk und Pornoladen.“

Stimmt, wir sitzen ja auf der Potsdamer Straße.

„Also bei solchen Dingen, da kommt man näher ran an die Kultur.“

Mein Schnitzel ist fast weg, seins nicht ernsthaft beschädigt.

„Man muss nur lange genug in einem Land sein. Das ist auch mein Standpunkt auf Twitter: der von einem kritischen Außenseiter. Ich habe ja den Vorteil, Ami zu sein. Also ich komme aus dem besten Land der Welt – das ist ja die Ideologie, und ist ja eine sehr plumpe Ideologie. Dabei ist das überhaupt nicht der Fall. Ich will, dass meine Studenten sich begeistern, in der Fremde zu sein, nicht speziell in Deutschland, und sehen: ,Das ist derselbe Scheiß, sieht aber etwas anders aus‘.“

Eric Jarosinski legt sein Besteck weg.

„Das Beste in der deutschen Gesellschaft kommt durch die Auseinandersetzung mit der schrecklichen deutschen Geschichte. Also man kann nicht alles schön finden, und niedlich und süß. Ich finde das Selbstkritische wirklich sehr positiv. Aber das kann man als Außenseiter leicht sagen.“

3b. Was ist denn das Schrecklichste am Deutschen?

„Ja – aaah! – die Sprache der Bürokratie, oder Bürokratiesprache, je nachdem wie man das sagt, die nichts mit der Sprache des Alltags zu tun hat. Oder auch englische Begriffe, die mir etwas lächerlich vorkommen.“

Als deutsches Lieblingsbuch nennt Eric Jarosinski „Flughunde“ von Marcel Beyer; es geht um einen Tontechniker im Dritten Reich („ich halte es für einen sehr guten Roman“). Jarosinski wurde 1971 als dritter von sechs Jungs in eine Lehrerfamilie geboren und wuchs in einer amerikanischen Kleinstadt auf. Die akademische Karriere war ihm ein ebenso wichtiges, anstrebenswertes wie zweifelhaftes Ziel. Oder sein Weg ist sowieso ein von stetem (Selbst-)Zweifel begleiteter.

Was tut er am liebsten, wenn er nicht auf Twitter ist? „Mich mit meinen Doktoranden in einer Bar treffen. Meine Stammkneipe ist eigentlich mein Büro geworden, in den letzten paar Jahren. Ich habe das Gefühl, dass jeder mal aus dem Büro kommen muss, um authentisch zu sein. Da können wir uns in Ruhe anschreien. Das würden die Räumlichkeiten einer Universität nicht erlauben.“

Die Joseph-Roth-Diele zum Glück schon, zumal wenn man draußen direkt an der Potsdamer Straße sitzt. Ich freue mich schon sehr darauf, wenn wir uns einmal wieder in Ruhe anschreien können.

Vielen Dank, lieber Eric!

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Dieses Interview fand im Sommer 2013 statt.

Ein Jahr später kontaktierte das amerikanische Außenministerium Eric Jarosinski, um wegen des Imageschadens durch die NSA-Spionage-Affäre in Deutschland Stimmung für Amerika zu machen und dafür seine Wirkung via Twitter zu nutzen. Er lehnte ab und schrieb darüber im Feuilleton der FAZ vom 24. September 2014: Plötzlich ist Amerika am Apparat.

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Eric Jarosonski ist Germanist und Kulturwissenschaftler. Ein zentraler Bezugspunkt seiner akademischen und nicht akademisch fortgeführten Arbeit ist Theodor W. Adorno. Mehr über Prof. Eric Jarosinski, seine Failed Intellectual World Tour 2013, seine Textkonzepte als @NeinQuarterly auf Twitter, seine kulturwissenschaftliche Arbeit, unser Kennenlernen und seinen Vortrag bei Edenspiekermann Berlin über „Allegorien der Transparenz“ lesen Sie in meinem Beitrag Das Schnitzel aus dem Internetz.

Die Fotos sind privat, das obere habe ich gemacht.

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