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Die schlimmsten Diven

Luc(as) de Groot und Friedrich Forssman im Bauhaus-Archiv Berlin: Im Rahmen der Ausstellung „ON-TYPE: Texte zur Typografie“ findet am 6. Juni 2013 ein „Gespräch über Schrift“ statt, das an Fulminanz nichts zu wünschen übrig lässt.

Anfangs warten sie noch brav neben der Bühne, bis sie dran sind; später laufen sie zu rhetorischer und Charme sprühender Hochform auf: Friedrich Forssman und Luc(as) de Groot teilen ihre Gedanken zur Gestaltung und Wahl einer Schrift für den jeweiligen Zweck. Bauhaus-Archiv-Direktorin Dr. Annemarie Jaeggi begrüßt Besucherinnen und Besucher und stellt die beiden vor.

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Friedrich Forssman (links) ist Buchgestalter, Typograf, Autor und  Gebrauchsgrafiker, bekannt für seine Standardwerke Lesetypografie, Erste Hilfe in Typografie und Detailtypografie (zusammen mit Hans Peter Willberg) sowie für die Gestaltung sämtlicher Werke des Schriftstellers Arno Schmidt (einschließlich des Monumentalwerkes ZETTEL’S TRAUM, mehr als 1.000 dreispaltig mit Schreibmaschine und Hand beschriebenen DIN-A3-Seiten, in acht Bücher unterteilt).

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Schriftgestalter Luc(as) de Groot (rechts) hat als erster eine sogenannte Superfamilie gestaltet: die Thesis, bei ihrem Erscheinen 1994 größte Schriftfamilie der Welt. Heute umfasst das Thesis-Projekt statt der damals acht Schnitte 114 Schnitte mit rund 15.000 Buchstaben und Zeichen. Von Luc(as) de Groot stammen die Hausschriften der ARD, der SPD, des Nachrichtenmagazins Der Spiegel und der Tageszeitung taz. Er arbeitet für Unternehmen wie Audi, Heineken und Miele und hat für Microsoft zuletzt die Systemschrift Calibri ausgebaut.

Temporalkolorit

Moderatorin (und Kommunikationsdesignerin) Katharina Ráček gibt eine kurze Einführung und geleitet souverän durch den Abend (auch als die Debatte im Anschluss hitzig wird). Forssman steigt ein und erläutert, wie er Schrift für ein Buchprojekt auswählt: „Logischerweise steht am Anfang die Betrachtung des Materials“; Buchgestaltung sei ja schließlich nicht Individualisierung, „höchstens im zweiten Schritt“. Am Anfang stünde die Klassifizierung: Um was für ein Werk handelt es sich? Sachbuch, Roman, Gedichtband, Geschichte? Ist die jeweilige Schrift – als Beispiel betrachtet er die Caledonia (entworfen von William A. Dwiggins für Linotype 1938) – „präzise genug, dabei weich genug, aber nicht zu sensibel“?

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Die Ingeborg, die Ingeborg

Gibt es überhaupt subjektive, zeitunabhängige Wahl- und Bewertungskriterien? Warum  muss es für Forssmann immer mal wieder die Akzidenz-Grotesk „Old Face“ sein? Anhand eines Buchbeispiels zeigt er „etwas, das ich jetzt hier mal Temporalkolorit nenne“: etwa im Inhaltsverzeichnis die gepunkteten waagerechten Linien (von Kapitelnamen links zu den Seitenzahlen rechts).

Oder ist alles nur Bauchgefühl? „In die Ingeborg war ich dann sofort verliebt“, sagt Forssman in aller Schlichtheit. „Wenn die Ingeborg anders ausgesehen hätte, hätte die ganze Gestaltung anders ausgesehen; also die Ingeborg hat die punktrote Linie haben wollen.“ Was soll man da machen.

Übrigens stammt die Ingeborg von den Typejockeys aus Wien.

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­Schriftvergleich: Ingeborg – Newszald

Wie Temporalkolorit gäbe es hier und da natürlich auch Lokalkolorit, das die Schriftauswahl beeinflusse und sich durch sie verstärkt: wie bei dem Buch „Rocking Horse Road“ eines Carl Nixon aus Neuseeland. Der Roman spielt auch dort, in Neuseeland, und Forssman hatte das Glück, Fotos von der Schwester des Autors für die Buchausstattung nutzen zu können – vorne gleich eines mit dem titelgebenden Straßenschild. Dieses Schild im Bild wiederum sei passenderweise in der Interstate gesetzt, die auch in Neuseeland für die Straßenbeschilderung benutzt wird und also die Auszeichnungsschrift hergab. Die Textschrift Newzald wiederum heißt nicht nur so, sondern kommt auch aus Neuseeland. Ein kosmischer, nein, ein sehr lokaler Gesamtzusammenhang also. Lokalkolorit auf allen Ebenen. Und im übrigen seien „die schlimmsten Diven“ (am schwierigsten also im Umgang?) die Bodoni, die Stempel Garamond und die Futura (den Übergang hierhin bekommt die Autorin im Nachgang nicht mehr schlüssig zusammen) – „wahnsinnig pragmatisch“ hingegen zum Beispiel die DTL Documenta von Frank Blokland.

Das ist nicht die richtige Schrift, Friedrich

„Natürlich habe ich, wie bei jedem Buch, innen angefangen zu gestalten“, erklärt Forssman seine Vorgehensweise (die ich jetzt fast schon mit F geschrieben hätte). Er stößt sich an den Kommentaren von Fons (sic) Hickman in der PAGE zu seiner Neugestaltung der Reclam Hefte, verteidigt diese und nennt Schriftgestalter „die Fetischisten der Kontur“. Auch seien das Leute, die „den ganzen Tag Privatwitze“ machten, weil ihre Arbeit mit ihren „Milliardsteln“ sowieso keinem anderen auffiele und selbst Eingeweihten nur dann, wenn sie aber auch wirklich ganz genau hinschauten. Nur sie könnten sich ergötzen („beömmeln“ würde Herr Forssman niemals sagen) zum Beispiel daran, dass bei der Ingeborg – und darum liebt er sie wohl so –  die Öhrchen am g mal in die eine, mal in die andere Richtung zeigten. Hach.

Liebevoll macht er auf weitere solcher Details aufmerksam. Dann hat er doch tatsächlich etwas zu mäkeln, ausgerechnet an einem R in der Thesis von Luc(as) de Groot: „Luc, kannst du da bitte noch was dran machen, oder hast du schon?“ „Das ist nicht die richtige Schrift, Friedrich“, entgegnet der in aller Sanftmut. Falsches Beispiel, kommt trotzdem gut an.

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Luc(as) de Groot greift die Pein und Pingeligkeiten des Schriftgestaltens in seinem Vortrag auf: Er zeigt Beispiele aus seinem Arbeitsalltag, mit den Vor- und Nachteilen, mit der fummelig kleinteiligen Arbeit an den von Forssman benannten „Milliardsteln“, das Kämpfen mit dem Kerning (Unterschneiden, Buchstabenabstandsausgleich) und psychedelisch anmutenden Hinting-Programmen (zur Optimierung der Buchstabendarstellung auf diversen Bildschirmen), seinen persönlichen Ausgleich an der Buchstabenschneidemaschine im Keller und das Schriftgießen in Beton: Das „ultra heavy“ Et-Zeichen im Garten bei LucasFonts erfreut und erleichtert die Zuhörer. Der Mann hat offenbar Spaß, trotz allem; er ist keineswegs zerquält oder verschroben.

Einzelne Buchstaben überarbeitet Luc(as) de Groot (zum Teil auf Kundenwunsch) wieder und wieder, bis  selbst er schließlich damit (temporär) zufrieden ist – was sich im Laufe der Jahre eben ändern kann. Als Beispiel zeigt er die Entwicklung eines doppelstöckigen „g“ (Thesis, TheSans): Von der Erstausgabe im Jahr 1994 bis heute hat er insgesamt acht Versionen des Buchstabens erstellt, die mit bloßem Laienauge kaum unterscheidbar, für ihn jedoch stetig immer prächtiger geworden sind.

Buchstabe g aus der Schrift TheSans von Luc(as) de Groot 1994-2014

Die Schulen in einem selbst

Die anschließende Frage- und Diskussisonsrunde im überfüllten Forum des Bauhaus-Archivs beginnt bei der für beide Gestalter (nicht allerdings für die Autorin) leidigen Frage nach dem Versal-Eszett. Friedrich Forssman: „Finde ich niedlich.“ Luc(as) de Groot: „Wenn’s doof aussieht mache ich es nicht.“ Forssman: „Mir wären 100 andere Fragen wichtiger“, de Groot: „mir auch“.

Weiteres Plaudern aus dem Schriftkästchen: Bei der Klassifizierung gehe es zum Beispiel darum, ob sich eine Schrift von der Breitfeder ableiten lasse und wie hoch ihre Kontraste seien (de Groot). Detailtypografie handele „von allem, was sich innerhalb eine Zeile abspielt“ (Forssman), „es ist eine Fleißfrage, ich war in einer anderen Zeitzone unterwegs“ beschreibt er sein Empfinden im Prozess.

Apropos Zeit: „Wir leben nicht mehr in einem Zeitalter mit einem Stil“ (Forssman), „ja, und die Werkzeuge sind demokratisiert“ (de Groot). Warum es keine Kontroversen mehr gäbe, stellt fragend ein Besucher fest, und greift damit den von Forssman vehement beschriebenen vehementen Streit diverser Richtungen und Schulen zum Beispiel in der Schweiz auf. „Es gibt bedauerlicherweise keine verfeindeten Lager mehr“, bestätigt Forssman. „Also die Schulen finden alle in mir statt.“ Vermisst er die Auseinandersetzung, sucht er gar Streit? Keineswegs: „Mir ist alles recht, wenn ich draufschaue und ich habe das Gefühl, da hat sich jemand was dabei gedacht.“

Nicht genug Schriften

Er spielt den Ball weiter zu de Groot: Mit was für einem Gefühl steht so ein Schriftgestalter eigentlich auf? Angesichts der Fülle bereits vorhandener Schriften und der akribischen Fummelarbeit, die damit verbunden sei, dieser ganzen Quälerei: Was ihn eigentlich antreibe? Ganz einfach: „Es gibt nicht genug Schriften“. Das jedenfalls war für de Groot der Grund für die Thesis – und Ausgangspunkt zum Beispiel auch seiner Arbeit für die taz. Er habe damals „den ganzen FontShop-Katalog durchgeforstet“ und nichts Passendes gefunden, und der Auftraggeber sollte doch „verglücklicht” werden. Erst seine neu (damals zunächst als Headline-Schrift) entworfene Taz „passt zur taz“. Forssman greift das auf und erinnert an einen Spruch von Erik Spiekermann, Schrift sei „gestaltete Lesbarkeit“. Darum ginge es schließlich.

Philosophische Stimmung macht sich breit und bricht sich in Form einer Publikumsfrage Bahn: „Mensch, wie geht’s eigentlich weiter? Wo geht die Reise hin?“ Luc(as) de Groot: „Es wird auf alle Fälle globaler. Schrift muss jetzt auch in Vietnam funktionieren. Lokales Wissen muss einfließen. Schriften werden einfach reicher werden; auch ungarische Akzente, zum Beispiel, müssen gut aussehen.“

Das steht in leichtem Widerspruch zu den Namensschildchen im Bauhaus-Archiv, auf denen die (falschen) Gedankenstriche auch noch verrutscht sind …

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Schall und Pfeifenrauch

Später, draußen: Umringt von Besuchern beantwortet Luc(as) de Groot Fragen, Friedrich Forssman schmaucht ein Pfeifchen, natürlich, das passt zu seinem Sprechstil, zum ganzen Habitus, zu seinem Namen. Friedrich, wenn du nicht Friedrich heißen würdest,  welchen Namen würdest du dir wünschen? „Georg“ – Blick auf Georg Seifert (nicht im Bild, Schöpfer der Glyphs App), der sich darüber freut; die beiden sind befreundet. „Aber nicht nur deswegen. Das ist ja wirklich ein schöner Name.“ Und dann kommt er auf einen Georg von Trassenburg zu sprechen und von da aus sonstwohin, und wir landen schließlich alle in einem lauschigen Berliner Biergarten, aber das gehört jetzt nicht mehr hierher.

Die beiden anderen Fragen müssen warten bis sie dran sind.

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PS

Hier die Werkübersicht von Friedrich Forssman auf seiner Website und Luc(as) de Groots Büro LucasFonts in Berlin und das Porträt-Interview „Der ABC-Macher“.