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Füllhöhe technisch bedingt

Sind E-Books besser, schlechter oder nur anders als gedruckte? Auf dem TYPO Day Berlin beleuchten wir die Lage.

Wenn in Deutschland etwas „nur noch“ digital erscheint, bedeutet das fast den sicheren Tod. Es wird als Niedergang empfunden – so Jürgen Sieberts Eröffnungsthese: E-Books als Abklatsch „richtigen“ Publizierens. Warum haben es elektronische Bücher und sonstige E-Publikationen so schwer? Sind sie so schlecht? Und wenn ja, auf welche Weise?

Auf dem TYPO Day Berlin am 13. März 2015 präsentieren vier Fachleute unterschiedlichster Couleur ihre Erkenntnisse aus der wilden Welt des digitalen Publizierens.

Blick ins Orange Lab am Ernst-Reuter-Platz in Berlin, hinten leuchten Nadine Roßa und Jürgen Siebert.

Das Programm. Und die tollen Fotos von Norman Posselt, auch im Folgenden.

Plötzlich diese Unübersichtlichkeit

Fabian Kern (@fabiankern) ist Berater, Trainer und Dozent für Digitalmedien-Produktion. Er verschafft uns einen Überblick zum technischen Stand der Dinge. Mit der „neuen Unübersichtlichkeit“ bezieht er sich in erster Linie auf den Kampf der Vermarkter um das beste Produktangebot, sprich: um den (potentiellen) Käufer seiner Geräte und Dienstleistungen. Mit Kindle von Amazon, als „eigenes Ökosystem“ vor rund sieben Jahren gestartet, und Geräten die folgten, wurde digitales Lesen etabliert und die Lage verwirrt. Es gibt Apps und digitale Magazine, der aktuelle Standard E-PUB (ePUB, ePub = Electronic Publishing) allerdings entspricht „Websites vor 15 Jahren“.

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Beispiele von Fabian Kern für gelungene digitale Publikationen:

  • Manche E-Books etablieren sich „gut gestylt in der Nische“. Als aneinandergereihte statische Einzelseiten mit festem Layout funktionieren etwa die Kinderbücher von Carlsen bestens. Dem Hamburger Verlag ist es gelungen, seinen Markenkern von gedruckt auf digital zu übertragen – für Fabian Kern eine geglückte E-Book- und App-Strategie und eines der wenigen Positivbeispiele für digitales Publizieren aus dem Verlagswesen. Obwohl (oder weil) hier nichts anderes passiert, als Buchseiten online zur Verfügung zu stellen.
  • DIE ZEIT hat es (in Design und Programmierung übrigens unterstützt von Edenspiekermann) auf andere Weise geschafft, ihr Konzept kongenial von Print auf ZEIT ONLINE zu übertragen. Kleiner Exkurs: Look und Zugriffsmöglichkeiten bei der ZEIT auf Papier und im Netz variieren natur- bzw. mediengemäß. Sie passen zum jeweiligen Medium und trotzdem zueinander. Man hat nicht das Gefühl, Print- und Online-Ausgabe der ZEIT seien gleich. Es gibt aber auch keine Brüche. Das spiegelt sich im Content aller Plattformen und in der Arbeitsweise wider. Wechselnde Redakteure, namentlich erwähnt, twittern im Wochenturnus für @DIEZEIT; Kulturreporterin Susanne Mayer (@SusanneMayer_HH) berichtet im gedruckten Feuilleton über ihre digitalen Begegnungen mit der medial rundum präsenten Autorin Sibylle Berg (@SibylleBerg); Germanist und Kulturwissenschaftler Eric Jarosinski aka @NeinQuarterly auf Twitter (von 0 auf über 100.000 Follower mit „utopischen Negationen“ und großzügiger Intelligenz) hat seit Anfang letzten Jahres seine Print-Kolumne im Politikteil der ZEIT.

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Es geht also doch.

Hat nur nicht viel zu tun mit dem Ding formerly discussed as E-Book.

(Fotos Norman Posselt)

Zwitter zwischen Buch und Website?

Es drängt sich die Frage auf, was denn nun der entscheidende Vorteil von E-Books gegenüber Büchern aus Papier einerseits und Websites anderseits ist. Warum sollte es Wörterbücher und Nachschlagewerke, die online und als App zur Verfügung stehen, zusätzlich als E-Book geben? Der Zugriff auf die Inhalte ist dann eher schlechter. Geht es hauptsächlich um den Vertrieb neuer Geräte und Dateiformate? Ein erhöhter Nutzen – jenseits der Faszination für die neuen Techniken – lässt sich so leicht nicht festmachen. Zusatzfunktionen, mit denen E-Books (mobile Textdateien) angereichert werden können, wie das Liefern von Lesevorschlägen oder Inhalten gemäß Nutzerprofilen auf Amazon, Facebook oder Twitter mögen manchem User nicht unbedingt als gute Nachricht erscheinen, sondern Widerstände eher erhöhen. Jedenfalls von denen, die sich um Datensicherheit Gedanken machen und zudem eigenständig, unbeeinflusst und unbeobachtet stöbern, entdecken und auswählen möchten – um Texte abseits der eigenen (der veröffentlichten) Meinungen und Interessen überhaupt in Betracht ziehen zu können. Um auch Überraschendes zu finden.

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(Fotos Norman Posselt)

Anfixen durch Klassiker

Zurück zum TYPO Day und den Beispielen von Fabian Kern:

  • Gelungene E-Books stammen größtenteils nicht von Verlagen, sondern zum Beispiel vom Konferenzanbieter TED, der die Auftritte der Sprecherinnen und Sprecher als Videos veröffentlicht und die Transkripte ihrer Vorträge als E-Books publiziert. So nutzt TED einen weiteren Vertriebskanal für mehr oder weniger gleichen Inhalt: keine große Innovation im Vergleich zum Download als PDF-Datei. Nur teurer.
  • Unter das Stichwort „Orientierung am Kundennutzen“ (endlich) fällt der elektronische Rhetorik-Ratgeber von Haufe. Bezeichnet als „eBook active“ bietet er interaktive Übungen und damit gegenüber dem gedruckten Buch tatsächlich eine vorteilhafte, bequeme Handhabung.
  • Gut gestaltete Inhalte für die digitale Nutzung und „lösungsorientierte Content-Zugänge“ bieten vor allem Anbieter von Fachinhalten: O’Reilly Atlas stellt begleitend Case Studies zum kollaborativen Arbeiten ins Netz; der englische Traditionsverlag Penguin Books feiert „the triumphant return of Pelican Books“ (1:1 abgebildet im Browser) und stellt für eine Auswahl klassischer Pelican-Bücher das erste Kapitel online umsonst bereit. Klassisches Anfixen.

Beispiele, die Mut machen in Sachen E-Books.

E-Books? Ist es gar nur eine Frage der Bezeichnung? Vielleicht sind „elektronische“ oder „digitale Bücher“ gar keine Bücher. Vielleicht bringt nur die Begrifflichkeit so manchen Buchliebhaber, Enzyklopädisten und Verlagsleiter alter Schule auf die Palme? Vielleicht handelt es sich schlicht um die Darreichung von Inhalten gedruckter Bücher in anderer und zum Teil komfortablerer Form?

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Offenbar geht es zur Zeit unter dem Stichwort „E-Book“ erstens, ja, heiß her, weil Beteiligte und Betroffene verschiedener Ausprägung und Interessenslage ganz verschiedene Aspekte diskutieren. Und zweitens wird real nicht das Rad oder das Buch wirklich neu erfunden, sondern es arbeiten Menschen daran, Inhalte auf sinnvolle Weise digital zur Verfügung zu stellen.

Stand der Dinge scheint die nutzerfreundliche Bespielung digitaler (Vertriebs-)Kanäle mit zum größten Teil bereits vorhandenen Inhalten zu sein – eher jedenfalls als die Etablierung eines komplett neuen Mediums mit sensationellem Innovationsfaktor und nie dagewesenem Nutzwert.

Fabian Kerns Zusammenfassung aktueller Trends legt diese Vermutung nahe: Mobiles Nutzen von Inhalten macht neue Devices – wie Augmented-Reality-Brillen oder „das Auto als Endgerät“ – zu Empfangsstationen von Daten aller Art (nicht unbedingt von komplexer Fachliteratur und Belletristik). Weil Menschen in möglichst vielen „Nutzungssituationen“ bespielt werden möchten. (Ist das so?) Zu unterscheiden wäre jedenfalls zwischen Dienste-Anbietern, die dem entsprächen, und Content-Anbietern, die den Erwartungen von Nutzern nach komfortablem, uneingeschränktem Zugriff „hinterherhinken“. Zudem sieht er ein Überangebot durch Self Publishing und durch das wachsende Leseangebot aus Back Lists von Verlagen: Die vorhandene Kaufkraft und die Leselust verteilen sich zwangsläufig auf immer mehr Angebote und umgekehrt ist immer mehr Geld notwendig, um sich als Verlag oder sonstiger Content-Anbieter sichtbar zu machen.

(Foto Norman Posselt)

(Foto sk)

Geteilte Arbeit, halbes Leid, viel mehr Spaß

Sachbuchautorin Kathrin Passig (@kathrinpassig), Vor- und Nachdenkerin vor allem zum Thema Publizieren, hat Erfahrung darin, sich mit wenig finanziellem Aufwand und viel Tatkraft sichtbar zu machen. Sie setzt Intellektualität sowie souveränen Umgang mit Sprache und Technologien ein, um Anerkennung, Aufmerksamkeit und in bescheidenem Maße auch wirtschaftlichen Erfolg zu erlangen. Sie scheint mediale Strategien zu durchschauen und die entsprechenden Prozesse als Mitmacherin und Gestalterin ebenso kritikfreudig wie gekonnt zu genießen. Dabei strahlt sie eher neugierige, tastende Offenheit als Allwissenheit aus. Mit dieser Haltung („bis gerade eben dachte ich, dass …“) und zum Teil in Zusammenarbeit mit Freunden wie Sascha Lobo (@saschalobo) beeinflusst sie das Denken und Handeln im und um das Internet maßgeblich. Beeindruckenderweise hat sie 2006 mit einem gezielt für diesen Anlass geschriebenen Text („Sie befinden sich hier“) den Bachmann-Preis gewonnen.

(Foto Norman Posselt)

Bei all dieser eigenwilligen Zielstrebigkeit ist es Kathrin Passig selbstverständlich, ihre Autorenschaft mit Co-Autoren, Lesern und Konsumenten zu teilen. Bei ihrem Projekt Zufallsshirt (@zufallsshirt) liegt die letzte Entscheidung über das Produkt beim Käufer. Sie gibt die Textbausteine und visuellen Möglichkeiten für die T-Shirt-Bedruckung vor, bestimmt aber nicht über das Endergebnis. Sie gestaltet es nicht, sondern überlässt dies dem Zufall bzw. dem Rechenprogramm. Auf ähnliche Weise hat sie ausprobiert, den Buchtitel für ihr erstes selbstgemachtes E-Book (Wir hatten ja nix! Ein Techniktagebuch – mehr dazu gleich) nach Zufallsprogramm zu gestalten bzw. vom Rechner gestalten zu lassen. Die Ergebnisse waren besser als so manches, was sie als Vorschläge aus Verlagen für ihre Bücher bekommen hatte.

(Foto sk)

Randnotiz: Anlässlich eines ihrer gedruckten Bücher, von einem Verlag produziert und publiziert, entdeckte Kathrin Passig, dass der Grafiker mit online bereitgestellten grafischen Mustern in Schwarzweiß von einer bestimmten Website arbeitete, die er offenbar auch nach dem Zufallsprinzip auswählte für verschiedenste Titel.

(Foto Norman Posselt)

Beim digitalen Schreiben und Publizieren liegt für Kathrin Passig der große Vorteil im gemeinsamen Erstellen, Redigieren, Editieren, Lektorieren und Produzieren der Texte. Sie mag diese kollaborativen Prozesse, bei denen alles transparent Hand in Hand und nicht umständlich hin und her geht. Sie beschreibt das sich Herumschlagen als Autorin mit Verlagen alter Schule – Lektoren, Korrekturlesern, Druckern oder Grafikern, die Hoheitsrechte auf den jeweiligen Arbeitsschritt und auf die Werkzeuge innehaben – eher als quälerisch. Also hat sie sich noch mehr Arbeit aufgebürdet und im Selbstversuch („ich wollte einfach mal wissen, wie das geht“) das Techniktagebuch, ihr mit rund 40 Autorenkollegen geführtes Blog (sie sagt „das Blog“) als E-Book umgesetzt. Die Übernahme des gesamten Produktionsprozesses bindet viel Energie und darf durchaus, so sagt sie, als riesiges Prokrastinationsprojekt (was für ein Wort) verstanden werden. Denn so wahnsinnig viel bringe es nicht und sie lese nach wie vor alles auf dem Blog.

War also wieder nix mit dem bahnbrechend überzeugenden Argument pro E-Book, auf das die TYPO-Day-Besucherin nun doch schon wartet.

Learning /// Erkenntnis in dieser Phase der Veranstaltung: E-Books sind nett, machen aber viel Arbeit.

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(Fotos Norman Posselt)

Schnittstelle Handarbeit–Automatisierung

„Füllhöhe technisch bedingt“ nennt Kathrin Passig ihren Vortrag nicht ohne Grund und gibt damit der ganzen Veranstaltung ein stimmiges Leitbild. Sie sieht bei Fragen des Publizierens eine weniger scharfe Trennung zwischen digital und Print (im Ergebnis) als zwischen Handarbeit und Automatisierung (im Prozess).

Die Probleme und das Interessante ergeben sich für sie an den jeweiligen Schnittstellen. Apropos Schnittstelle, hier Mensch–Verlag: Auf meine Frage, ob der klassische Gestus des Autors oder der Autorin nicht auch etwas Entlastendes haben könnte, dem Verlag das Manuskript zur weiteren Verarbeitung zu überreichen – um sich umgehend wieder in die Schreibstube, wahlweise in die Welt hinaus zu begeben und sich dem nächsten Buch zu widmen, reagiert sie mit „ja, klar“ und mit der hoffnungsfrohen Vermutung, dass es auch wieder so sein werde. Aber jetzt eben nicht.

Der Eindruck verstärkt sich, dass wir uns in einer Phase des Umbruchs, der (Selbst-)Versuche, des Ausprobierens befinden.

Im Moment können wir festhalten: Digital ist nicht besser, nur anders. Je nach Temperament, Beruf(-ung) und Unternehmungsgeist schwanken die Beteiligten zwischen Entdeckerfreude, Euphorie und einem gewissen Druck, in Sachen E-Book mithalten zu müssen.

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Nicht alles was „responsiv“ ist, ist gut …

Wie Benutzer-Schnittstellen gut aussehen und somit besser funktionieren können, daran arbeitet (@frankrausch) von Raureif zusammen mit seinem Geschäftspartner Timm Kekeritz. Frank Rausch ist Interaktionsdesigner, macht also „irgendwas mit Apps“. Der Spezialist für die typografische Gestaltung von elektronischen Schnittstellen zeigt anhand einfacher Beispiele, was er unter „responsiver“ Typografie versteht und wie man sie einsetzen kann: etwa um Ziffern und Sonderzeichen in langen Passwörtern rot zu markieren, um sie eindeutig von Großbuchstaben zu unterscheiden und die Eingabe zu erleichtern. Man fragt sich, warum das nicht längst schon so ist. Ganz einfach: Der Programmieraufwand solcher „einfachen“ Dinge ist offenbar immens, immer noch. Frank Rausch zeigt ellenlangen Code: Es macht richtig Arbeit, so Selbstverständliches und Lesegewohntes wie Groß-Klein-Schreibung bei einer Banken-Software umzusetzen. Man muss es wirklich, wirklich wollen.

Die Unternehmen aka Auftraggeber müssen gute Gestaltung und Programmierung wollen. Sprich: beauftragen und bezahlen. Weil es für sie (und für „den User“, ihre Zielgruppen) nützlich ist; weil es ihre Angebote besser macht.

Dann kann man die auch besser/teurer verkaufen und sich von anderen Anbietern positiv unterscheiden.

Wahrlich nichts Neues, aber offenbar bei E-Books und anderen digitalen Angeboten noch nicht relevant. Weil das pure „es geht, es geht“ zu genügen scheint. So manche App ist ein Alleinstellungsmerkmal für sich; darf sie deswegen hässlich sein?

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Das Wort App schreit danach, eingedeutscht zu werden. Äpp! Allein aus optischen Gründen. (Fotos Norman Posselt)

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… aber vieles ist möglich

Natürlich arbeitet auch Frank Rausch eigeninitiativ gegen die Hässlichkeit an. Von Raureif stammt die Wetter-Äpp Partly Cloudy. Die Besucher des TYPO Days erfreut er mit Gedankenspielen, was durch „responsive“ (deutsch ausgesprochen) Typografie und responsives, sprich, auf sensorisch erfasste Nutzer- und Umgebungsdaten reagierendes Design noch so alles möglich wäre: Das SmartPhone wird nass, weil es regnet oder der Nutzer in Tränen ausgebrochen ist? Die Schrift wird größer oder wechselt zu einer Schriftart mit mehr Kontrast. Der Benutzer setzt sich in Bewegung? Dito, dann kann er auch im Laufen lesen. Der Benutzer ist schlecht drauf (ablesbar aus kummervollen Einträgen auf Facebook)? Die Schriftart wechselt zu Comic Sans …

Ob alles, was geht, schön und wünschenswert ist, ist eine andere Frage. Solche Fragen übrigens ergeben sich hier nicht, was ein grabenkriegsfernes Erörtern der Situation und der aktuellen Möglichkeiten digitalen Publizierens erlaubt. Dennoch erfreuen Randbemerkungen, bei denen sich die Referenten diverser ethisch-moralisch-datensicherungstechnischer und politischer, sozio-kultureller Implikationen bewusst zeigen, das rege sich beteiligende Publikum.

Die Technik ist da. Man kann alles mögliche machen, muss aber nicht.

„Wenn ich ,Inhalte‘ sage, meine ich Text.“ (Fotos sk)

Auf dem TYPO Day Berlin erfreut Frank Rausch die Autorin mit schönem Deutsch und eher nebenbei geäußerten Definitionen wie der, dass er unter „Inhalten“ Text verstehe. Der Tag ist gerettet.

Er rettet das E-Book vor der ästhetischen Verdammnis. Frank Rausch zeigt auf (und tut auch das in sprachlicher Feinheit), dass es genug Möglichkeiten gibt, sinnvolle Layoutvorgaben zu machen für elektronische Publikationen: „Es gibt Browser Detection, Feature Detection, Face Detection … man kann alles mögliche detecten.“ Man kann Schrift je nach Bildschirmtyp hoch oder low aufgelöst darstellen lassen, Schriftgrößen ans Sehvermögen des Benutzers oder an die Entfernung seines Gesichts vom Bildschirm anpassen. Sensoren am Rechner machen es möglich. Es muss nur programmiert werden. „Das kann InDesign nicht leisten“, fasst Frank Rausch zusammen, „ich glaube, man muss den Styleguide als Algorithmus formulieren.“

Der Styleguide als Algorithmus

Allerschönstes Beispiel dafür ist die Wikipedia-App fürs iPad. Das Bild vom Lexikon als „Ausdruck von Wissen und gutem Geschmack“ kollidiert erheblich mit der normalen Wikipedia-Ansicht. Die App von Raureif „Das Referenz“ schafft Abhilfe. Das Referenz (nominiert für den DesignPreis Deutschland 2015) bringt den „Geist der großen Enzyklopädien“ visuell aufs iPad und packt „die herausragende Wissensfülle von Wikipedia in ein formschönes Kleid“. Spätestens an dieser Stelle gelingt es Frank Rausch, auch den letzten Widerständler und die letzte Zweiflerin im Publikum (mich) zu überzeugen.

Digital ist in manchem Fall nicht nur anders, sondern besser. Und auch noch schön.

Zuviel Wahl ist richtig Qual

Schön geht eben nur, wenn die Gestalter/Programmierer sich einigermaßen Mühe geben (dürfen). Mit einer Vielzahl an wild kombinierbaren Parametern und Wahlmöglichkeiten in Sachen Schrift (Größen, Schnitte, Laufweite, Zeilenabstände, Spaltenbreiten, Blocksatzvorgaben zu Trennungen usw. usf.) ist es nicht getan. Hier wird übrigens ersichtlich, dass die „Füllhöhe“ im E-Book oder E-Book-Reader ganz konkret „technisch bedingt“ ist: Wie viele Zeilen (in hässlichem Blocksatz) auf eine Seite passen, ist durch die Voreinstellungen definiert oder die Vorgaben, die ich als User auswähle(n muss).

Diese Zurichtung des Textes dem User von E-Books und E-Book-Readern zu überlassen bzw. zuzumuten und es womöglich noch als flexibel und individualisierbar und besonders user-centered anzupreisen, ist faul und bequem. Nicht jeder User – hier in erster Linie Leser, das sollten wir nicht vergessen – hat typografisches Geschick oder auch nur Lust und Zeit und die Geduld, sich intensiv mit all den Optionen auseinanderzusetzen und sich selbst ein halbwegs erträgliches Schriftbild zurechtzubasteln. Das ist das Gegenteil von einer guten UX und ziemlich nutzerunfreundlich. Bücher musste man sich ja auch nicht erst einmal möglichst hübsch selber drucken.

UX steht für User Experience und umfasst alle Aspekte der „Nutzer-Erfahrungen“, die wir machen (müssen), wenn wir mit (digitalen) Produkten oder Dienstleistungen in Berührung kommen. Typografie ist ein zentrales Element für positive Nutzererfahrungen (Foto Sonja Knecht).

Bisher machen E-Books Mühe und wenig Freude am Lesen. Aber die Zukunft wird schön (lesbar)! Steile These von Frank Rausch (Fotos Norman Posselt).

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Kurz, „die Software ist der Schlüssel zu besserer Typografie“. Frank Rausch würde sich wünschen, dass alle Schriftgestalter und Typografen „als Vollblut-Gestalter am Code mitarbeiten“. Schauen wir mal weiter.

Fabian Kern im Austausch mit Frank Rausch, während Nadine Roßa die Veranstaltung illustrativ festhält.

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Unsere täglichen Pixel

Attila Korap (@atillakorap) stimmt Frank Rausch in vielen Punkten zu. Er arbeitet seit über 10 Jahren als Font Engineer in der Entwicklung bei Linotype, jetzt Monotype in Bad Homburg, und verhilft vor diesem Hintergrund und mit dem (bezeichnenderweise) „Schrift- und Softwareportfolio“ des Hauses Kunden zur berühmten bestmöglichen Lösung. „Lösung“ meint hier die am besten geeignete Schrift zur jeweiligen Anwendung und Schnittstellengestaltung.

(Foto sk)

Welche Schnittstellen ihm persönlich in seinem Alltag von morgens bis abends begegnen, hat Attila Korap einfach mal durchfotografiert. Das geht vom Wecker zum Display im Auto, vom Mobiltelefon zur Anzeige im Fotoapparat und im Gitarrenverstärker bis zur Waschmaschine und natürlich zum Rechner. Die Schriften sind mal pixelig, mal glatt – was beweist, dass „ich als Produzent und Publisher nicht weiß“, auf welchen Geräten meine Schrift (mein Text) wie aussehen wird. Man könne die Schriftdarstellung unterteilen, so Attila Korap, in die Kategorien grob/fein, monochrom/farbig, statisch/dynamisch, Info-/Fließtext. Die jeweils zweite Kategorie sei die für Schriftgestalter relevante.

Dankenswerterweise erklärt er das allseits vertraute Phänomen Pixelschrift, zeigt die Pixel in Großansicht und wie sie dem Grid, dem Raster, per Hinting manuell zugeordnet werden müssen, damit das jeweilige Zeichen gut aussieht. Hinting ist die digitale Zurichtung des einzelnen Buchstabens in der jeweiligen Punktgröße durch den Schriftgestalter oder durch einen darauf spezialisierten Font Engineer. Hinting ist eine sehr aufwendige, sozusagen manuelle technische Tätigkeit. Digitale Handarbeit, wenn man so will, um an Kathrin Passigs Schnittstellenthema zu erinnern.

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(Fotos Norman Posselt)

Schnittstellenkämpfe einst und jetzt

Attila Korap verweist darauf, dass bereits im Bleisatz Schriften verschiedener Punktgrößen verschieden gestaltet bzw. im Rahmen der Grundgestaltung modifiziert wurden, zum Beispiel mit größeren oder kleineren Punzen, mit ausladenden oder kürzeren Serifen, um sie bestmöglich im Druck wirken zu lassen und ein harmonisches Schriftbild zu gewährleisten. Über die Adaption von Schriftklassikern für digitale Welten und den technischen Übergang von Bleisatz (über Lichtsatz) zu digital sagt er: „Es bedarf dieser Feinheit nicht“.

Das mag einigermaßen brutal klingen oder auch falsch verstanden werden.

Denn die Feinheit in der Ausgestaltung, in der Zurichtung der Schrift ist heute auf andere Art und an anderer Stelle nötig, wie wir gesehen haben – eben beim manuell-digitalen Ausgleichen von Buchstabenformen und Wortabständen, bei der Abstimmung von Parametern wie Punktgröße, Laufweiten und Zeilenabständen zueinander. Um „nur“ diese Parameter oder entsprechende Kombinationen aus Parametern überhaupt möglich zu machen, die eine Schrift gut aussehen lassen, muss der Schriftgestalter schon bei Grundformen der Buchstaben alles Weitere mitbedenken. Und alles Weitere umfasst eben auch die Geräte, Bildschirme, Plattformen, Formate, auf denen eine Schrift genutzt werden wird, gut aussehen und ein gutes Schriftbild ergeben soll.

Es ist also eher mehr Feinheit und Feinabstimmung aller Parameter nötig, um digital gleich gut oder besser zu machen als Print. Wenn das E-Book nur anders, aber vor allem hässlicher ist, hat es gegenüber seinem gedruckten Bruder schlechte Karten. Aber da geht noch was.

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(Fotos Norman Posselt)

Der TYPO Day Berlin klingt hoffnungsfroh-versöhnlich aus. Tatendrang liegt in der Luft. Es wird wild diskutiert, freudig aufeinander zugegangen, Grüppchen finden sich. Wir arbeiten daran, so könnte man wohl zusammenfassend sagen, die Feinheit und Füllhöhe digitaler Publikationen zu erhöhen.

Es bleibt spannend.

Foto Norman Posselt

PS

Um zu diesen Dingen auf dem Laufenden zu bleiben, folgen Sie am besten den Referenten auf Twitter und lesen Sie ihre Blogs (auf welchem Medium auch immer); alle Links zu den Twitter-Accounts sind oben im Text zu finden.

In der gedruckten PAGE 03.2015 auf Seite 38 ff. finden Sie einen Beitrag über gutes E-Book-Design und Beispiele dafür aus jungen Verlagen, die rein elektronisch publizieren: „Wenn Gestalter und Programmierer an einem Strang ziehen, können sie trotz der technischen Hinternisse durchaus gelungene E-Books realisieren“.

Da steht tatsächlich „Hinternisse“. Vielleicht absichtlich, als Kombination aus „Hindernissen“ und „Hintergedanken“? Zum Beispiel dem, dass gedruckte und elektronische Bücher „eine friedliche Koexistenz“ führen sollten und dass man „Profis wie Friedrich Forssman“ gut gebrauchen könnte, um sich auch beim E-Book typografischen Idealen und lesbarer Gestaltung anzunähern. Forssman, Buchgestalter, Typograf und Gebrauchsgrafiker, vertritt eine kontrovers diskutierte Haltung in der E-Book-Debatte. Seine Polemik Warum es Arno Schmidts Texte nicht als E-Book gibt erschien auf dem Logbuch von Suhrkamp, in alter deutscher Rechtschreibung übrigens („Beschiss“ schreibt man heute nicht mehr mit Eszett), und sorgte für Aufruhr (aber nicht wegen „Beschiß“). Forssman gibt energisch-verzweifelt und ziemlich zornig zu bedenken, was das E-Book für unerwünschte Nebenwirkungen mit sich bringt.

Von Verleger Volker Oppmann gab es dazu uneingeschränkte Zustimmung, metaphorische Tränen und viel Idealismus: Er will zusammen mit anderen „das Internet reparieren und aus dem Buch etwas Neues bauen“: Warum das eBook Arno Schmidt braucht – eine Replik auf Friedrich Forssman. Forssman wiederum richtete An alle Buch- und E-Book-Freunde einen nicht ganz ernst gemeinten Vorschlag zur Versöhnung.

Fortsetzung folgt.

Für die Fotos in diesem Beitrag herzlichen Dank an Norman Posselt. Die weniger schönen sind von mir.