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Gestalter mit Gewissen

Erik Spiekermann erklärt (in seiner Rede beim Rat für Formgebung), warum Gestaltung made in Germany gut ist.

60 Jahre Designkultur – 2. Deutsche Designdebatte: Prof. Dr. Spiekermann spricht am 13. Juni 2013 zum Jubiläum des Rates für Formgebung in der Frankfurter Paulskirche. Durch seine zwei Lebensorte Berlin und San Francisco sowie jahrzehntelange Erfahrung als Agenturgründer, Designdenker und Dozent hat er den denkbar besten Blick auf deutsche Gestaltung und was dabei herauskommt.

Designdebatte, Runde 2

Der „Ratsgeburtstag“ ist ihm ein willkommener Anlass, die Rolle des Rates in Wirtschaft und Politik zu reflektieren. Der Festakt in der Paulskirche wird „im Sinne der parlamentarischen Wurzeln der Stiftung“ verstanden als nationale Debatte mit internationaler Perspektive – anknüpfend an die Erste Deutsche Designdebatte im Jahr 2003 zum damals 50-jährigen Jubiläum. 900 illustre Gäste auch aus Wirtschaft, Politik, Forschung und Lehre sind geladen.

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Erik Spiekermann knüpft zunächst an den Standort an: 1927 sei hier in Frankfurt von Paul Renner die Futura als „Schrift der neuen Zeit“ entworfen worden, heute ein Klassiker. Auch stamme Dieter Rams, einer der bekanntesten Designer der Bundesrepublik und jahrelang Präsident des Rates, aus Frankfurt – wie einige unserer Auftraggeber (Volkswagen, die Messe Frankfurt, die Bundesregierung). Sich selbst nennt Spiekermann einen Gestalter, aber auch „Designunternehmer“.

Wir machen noch Sachen und Steve Jobs mochte Bosch

Was ist das Besondere am Wirtschaftsstandort Deutschland? Unsere 27% Industrieproduktion heben uns von den USA (9%) und Großbritannien (7%) ab: „Wir stellen ja noch etwas her, wir machen noch Sachen.“ Nicht nur aus „Mangel an Bodenschätzen“ habe man sich um diese Sachen in Deutschland von jeher mehr bemüht als anderswo, denn „Produkte brauchen einen Mehrwert jenseits ihrer Funktion“. Kein Wunder also, dass Bosch in den USA eine Designmarke sei. „Bei Steve Jobs in der Küche stand ein Kühlschrank von Bosch.“

„Es sind nicht die Geräte allein, die den Menschen gefallen – wir kaufen Marken.“

„Wir gestalten Gegenstände für den geistigen Gebrauch“ (Spiekermann zitiert Max Bill).

Neue deutsche Offenheit

Was macht denn nun deutsches Design so erfolgreich? „Ich glaube, das alles zusammen – Handwerk, Ingenieurskunst, Freude am Machen und am Erfinden und eine Offenheit, die man uns vor einigen Jahren nicht zugetraut hätte – das alles trägt dazu bei, dass die Marke Deutschland – und Deutschland ist eine Marke! –, dass deutsches Design einen guten Ruf hat. Auch mit Neidern, weil wir uns im Wettbewerb durchgesetzt haben. Da hat man ja nicht immer nur Freunde.“

Neue deutsche Verantwortung

Design also als Standortvorteil und mehr: „Design ist die Gestaltung von Produkten, Medien und Prozessen. Wir Designer haben die Fähigkeit, Zusammenhänge nicht nur schnell zu erkennen, sondern sie vor allem sichtbar und damit nachvollziehbar zu machen.“ Dadurch, so Erik im weiteren Verlauf, können wir „Ideen nicht nur generieren, sondern ihre Umsetzung planen“, also – ideal für eine Nutzung auch in der Politik – „Prozesse moderieren und abbilden, darstellen.“

Dahingehend sollten Designer die Politik unterstützen. Sie könnten rechtzeitig sagen,: „Leute, das läuft in die falsche Richtung.“ Politiker wiederum sollten Design(er) nutzen – und die Hochschulen fördern.

„Wir arbeiten inhaltlich, bevor wir formal arbeiten – mit unserem Hirn. Lange bevor wir mit den Augen arbeiten.“

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Leute mit Gewissen

Allerdings werden wir „Ideen und Konzepte nicht verschleudern“, kommt Erik zu einem seiner Lieblingsthemen und prangert die Praxis öffentlicher Ausschreibungen an. Ideen einfordern ohne Bezahlung sei ein Unding: „Ich muss mich darauf einlassen“, auf eine Zusammenarbeit. Wenn es die Qualität einfordere könnten sich öffentliche Stellen durchaus über Vorschriften hinwegsetzen und es gäbe wesentlich besseres öffentliches Design, „wenn da Leute mit Gewissen arbeiten würden und sich nicht hinter ihrer Aktenlage verstecken.“ Applaus, Abspann: „Dem Rat wünsche ich alles Gute zum Geburtstag. Und macht weiter so.“

PS

Hier die vollständige Rede von Erik Spiekermann zum Jubiläum des Rates für Formgebung (German Design Council). Zum Weiterlesen hier vorgestellt das Buch „Durch die Decke denken. Design Thinking in der Praxis“ von Thomas Ramge, mit Erik Spiekermann – und ein Interview mit Erik Spiekermann zum Thema Design Thinking.

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Veröffentlicht am 5. August 2013 auf dem Blog von Edenspiekermann, hier leicht überarbeitet. Standfotos aus dem Video des Rates für Formgebung – vielen Dank.