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Will sie nur spielen?

Der Ruf als Shooting-Star der Branche eilt ihr voraus. Jessica Walsh kommt trotz atemberaubender Hackenschuhe ganz harmlos daher – Vamp geht anders.

Ihr Vortrag „Creative Play“ wird schon vorab zu den Highlights der TYPO 2013 „touch“ gezählt. Und die Hackenschuhe von Jessica Walsh sind tatsächlich genauso atemberaubend wie das schillernde digitale Porträt, mit dem die GRID (R.I.P, war ein wunderbares Magazin) ihre erste Ausgabe schmückte – einschüchternd cool und schön. Diese Bilder und ein Medienecho wie Donnerhall sind aber auch das Einzige, was einschüchternd oder übertrieben wirken könnte im Zusammenhang mit der Frau, die hier die Bühne betritt. Vamp geht anders – und Vamp will Jessica Walsh wohl auch gar nicht sein.

Bühnenreh statt Rampensau

Interessanterweise ist ihre reale Gesamterscheinung ganz schlicht. Unprätentiös kommt Walsh daher, ihr Vortragsstil ist ausgesprochen brav, mehr Bühnenreh als Rampensau bewegt sie sich kaum, steht wie angewurzelt hinter ihrem Pult und liest vom Blatt ab, anfangs mit zittriger Stimme. Alles in allem ein großer Kontrast zu ihrem Ruf als blutjunge Überfliegerin, zu den poetischen und professionellen Arbeiten, die sie präsentiert, und auch zu den lässigen sexuellen Anspielungen (auf sich selbst), mit denen sie ihren Vortrag anreichert.

Für Letzteres erntet Jessica Walsh im Nachgang zwiespältige bis negative Resonanz. Auch ist ihre Aufforderung zu mehr Spiel und Spaß letztendlich ein ausgesprochen elitärer: 2013 stünden „uns“ alle Möglichkeiten offen, sagt sie, doch kann dieses „uns“ natürlich nur eine kleine, sehr privilegierte Gruppe meinen, ob innerhalb ihres Landes oder weltweit betrachtet. Wie sehr sich dieses US-amerikanische Hoppla-jetzt-komm-ich-Selbst- und -Weltbild doch unterscheidet vom britischen Punk-, Politik- und Klassenbewusstsein eines Neville Brody, einer Kate Moross oder auch von Paul Barritt, das in deren Vorträgen und Selbstverständnis als Teil der Creative Industries mehr als nur durchschimmert. Das nur am Rande (und irgendwie auch nicht). Hoppla, jetzt kommt Jessica!

Give Nacktheit a Chance

Es geht hier – und das machte die Sensation in den Medien aus – um die Partnerin von Stefan Sagmeister, die sich an seiner Seite auszog, um nackt für das fortan gemeinsame Studio Sagmeister & Walsh zu werben. Auch davon erzählt sie, und dass Sagmeister damit anknüpfe an seine Studioeinweihung vor 20 Jahren (und an so manche kulturelle Reverenz mehr – John und Yoko waren vorher; mittlerweile sind wir vertraut auch mit den Bildern von Nackten zum Beispiel eines Wolfgang Tilmans und anderer zeitgenössischer Fotografen). Jedenfalls: Wenn man eine Botschaft schnell und effektvoll verbreiten wolle, müsse man sich einfach nur ausziehen, das helfe ernorm, so Walsh. Stimmt, nach wie vor, ob es uns nun behagt oder nicht.

Sie erzählt von sich, ihrem noch kurzen beruflichen Werdegang und dass sie neben Titeln wie „Art Director“, „Designer“, „Illustrator“ oder „Partner“ sich selbst als „Player“ bezeichnet. Ihre Definition dafür ist schlicht „a person who loves to play“ (nix Sex) – und damit steige die Qualität ihrer Arbeit. In einem kurzen Ritt durch die Wissenschaftsgeschichte weist sie nach, zusammenfassend, dass Spiel uns für die Herausforderungen unserer Umwelt schult und unser Denken ausbildet.

Spielen zahlt sich aus

Ein Spiel allerdings könne ganz unterschiedliche Bedeutungen haben, könne pures Vergnügen, reine Quälerei oder eine nützliche Angelegenheit mit angenehmen Nebenwirkungen sein – wie das Golfspiel unter Geschäftspartnern. Auch in diesem Sinne sei es „the ideal balance of challenge and opportunity“ (nach einem Wissenschaftler namens Mihaly Csik…, den sie zitiert, Nachname unaussprechlich).

Die Gesellschaft hindere Erwachsene am Spielen, so Walshs Ausgangsthese. Damit einhergehend schnitten Kinder – je jünger, desto deutlicher – bei Kreativitätstests viel besser ab als Menschen ab 25. Und doch seien spielende Erwachsene nachweisbar produktiver, als die, die nicht spielten – und weniger traurig. Spielen allerdings setze Vertrauen voraus: in die eigenen Fähigkeiten und Fehler, um daraus zu lernen. Außerdem seien Zeit und Raum und ein gewisser Sinn für Humor vonnöten. Dann können sich ungeahnte Verbindungen ergeben und Spiel wäre die beste Art des Forschens: Walsh nennt historische (Bei-)Spiele wie die Erfindung der Dampflok und, natürlich, Apple. Nicht umsonst (im wahrsten Sinne des Wortes) richten Global Player (!) wie Lego, Red Bull, Google etc. Spielplätze für ihre Beschäftigten ein.

Jessica Walsh trägt vor, wie sie selbst durch Computerspiele (die spannender waren als die langweiligen Tischgespräche mit ihren Unternehmereltern) anfing, Websites zu erstellen, ein Tutorial dazu einrichtete und bald erste Anfragen von außen kamen. Eine Schlüsselerfahrung: Sie wurde dafür bezahlt, dass sie das machte, was sie als Spiel empfand. Natürlich wollte sie fortan nur noch tun, was Spaß bringt – und damit „automatisch“ Geld. Glückskind!

Ihre Arbeitsweise, die sie auf der Kunsthochschule ausbildet („my Kindergarten“) und in ersten Aufträgen für Magazine usw. erprobt, umfasst traditionelle, analoge, digitale und was-auch-immer-für Techniken, natürlich, sie nutzt, was sie findet und zur Verfügung hat; hier ist sie von Kate Moross, den Poschauko-Brüdern oder auch Eike Königs Hort nicht weit entfernt. Nur wurde sie wohl tatsächlich immer gut dafür bezahlt und/oder hatte das Glück, mit ihrer Arbeit von Anfang an auch merkantil erfolgreich zu sein.

Sagmeister & Walsh

Es wird deutlich, dass es nicht nur der Name Sagmeister ist, dem sie ihren Erfolg zu verdanken hat. Und es wird ebenso deutlich, dass trotz aller Ideenfülle und Berühmtheit 95% auch ihrer Arbeit immer noch darin besteht, Auftraggeber von der Umsetzung und dem Nutzen zu überzeugen. Wie wir alle halt.

Walsh stellt Arbeiten von Sagmeister & Walsh vor, einem kleinen Studio in New York mit nur drei Designern und zwei Praktikanten (das erlaube ihnen, ausschließlich Dinge zu machen, die sie wirklich, wirklich wollen): die eigene Website und Fotos der Belegschaft in Raumanzügen, Identity Design für Story NYC – Logo-Schriftzug mit Klammern und eingefügtem Thema in der Mitte, zum Beispiel STO(love)RY; das interaktive „Plakat“ für Levi’s mit sich drehenden Zahnrädern, die alle paar Runden den Satz „We are all workers“ formen, ein Plakat aus Fahrradketten für Public Bikes, Plakate für Les Arts Decoratifs, mit Schrift aus abgeschnittenen Haaren ihres Teams.

Kein Spiel ohne Regeln

Jedes Spiel braucht einen Rahmen. Regeln helfen bei der Umsetzung guter Ideen. Als Beispiel hierfür zeigt Jessica Walsh das Branding für Aishti & Aizone, wo sich alles um eine gelbe Schachtel dreht, im weiteren Verlauf Schriftzüge auf Modelkörper gemalt oder mit Stoff und anderen Materialien in den Raum „geworfen“ werden. Hier und überhaupt sei es wichtig, auch mal vom Computer wegzukommen und irgendwelchen Scheiß zu machen („get off the computer and make shit“) – „for more interesting results.” Das Branding für Energias De Portugal (EDP) basiert auf vier roten Grundformen, die variabel kombiniert und übereinander gelegt x Logo-Varianten ergeben, für Werbespots zu unzähligen animierten Figuren geformt wurden und Geschichten erzählen.

Am Schluss ihrer Präsentation zeigt Jessica Walsh diverse Videos, entstanden im Rahmen des Ausstellungskonzepts „The Happy Show“ (in Philadelphia). Die Kurzfilme ranken sich um Sätze wie „If I dont ask I dont get“ (mit Wasser gefüllte Luftballons, die zerplatzen, zerdrückt oder durchschossen werden, oder „Be more flexible“, geformt aus Seifenblasen, oder „Now is best“, geformt aus Zuckerwürfeln, Kaffeebohnen und Tassen, die in Zeitlupe durch die Luft fliegen. In der Ausstellung entsteht in Form einer Reihe Kaugummiautomaten mit gefüllten Säulen eine Art interaktive Infografik, die den Glücklichkeitsstand der Besucher anzeigt.

Auf Opa hören, glücklich sein

Walsh fasst die Zusammenhänge von Spiel und Glück bzw. kein Spiel und Depression zusammen: 80% der Menschen seien nicht glücklich mit ihrem Job. Für die meisten sei Arbeit das Gegenteil von Spiel – dabei sei das Gegenteil von Spiel nicht Arbeit, sondern, eben, Depression. Walsh zitert ihren Opa und ist froh, dass es ihr gelingt, nach seinem Motto zu leben: „Do what you love and you will never work a day in your life.“

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Vielleicht hilft dabei tatsächlich die Freiheit von Angst, von der sie anfangs spricht. Der Mut und die eigene Entscheidung, aufkommende Ängste immer wieder zu überwinden (zum Beispiel auf eine Riesenbühne zu staksen und Vorträge zu halten). Als Beweis für ihre These bittet sie ihre Schwester zu einer „demonstration of being fearless“ auf die Bühne; Schwesterherz folgt der Aufforderung, kichert Unverständliches über „I love Berlin“ und Techno ins Mikro, um schnell mal mit dem Hintern in Richtung Publikum zu wackeln. Mag man albern finden – mutig und witzig ist es allemal. Und der einzige Moment von Lockerheit auf der Bühne.

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Ängste überwinden

Hackenschuhe, Nacktheit, den Auftritt der Schwester mag man als Taktik und spielerische Inszenierungen mit kalkulierter Wirkung abtun – na und: Was soll eine junge, gut aussehende Frau schon machen. Oder nicht machen. Letztlich ist es egal, denn Gefahr läuft sie immer, dass ihre äußere Erscheinung, ihre Jugend, und allein schon ihr Auftreten in gewissen beruflichen Feldern (auf betreffenden Bühnen, in bestimmten Konstellationen) für mehr Aufmerksamkeit sorgen als ihre Arbeiten. Was sich hoffentlich legt, wenn man sich an Jessica Walsh „gewöhnt“ und ihre Arbeiten wirklich betrachtet, die außergewöhnlich, wirkungsvoll, berührend und konzeptionell stimmig sind.

Jessica Walsh spricht vielleicht aus eigener Erfahrung (und meint nicht nur den Auftritt ihrer Schwester), wenn sie sagt: „It is great upgrading when you overcome those fears.“ Das klingt plötzlich gar nicht mehr abgelesen. Wir dürfen gespannt sein – keinesfalls nur verspielt, die Frau.

PS

Fragen zu Themen wie „Being a designer“, „Running a studio“, „Touching the heart“ oder auch „The naked photo“, mit dem Sagmeister & Walsh ihre Firmierung angezeigt haben, beantworten sie in Interview-Auszügen auf ihrer Website Sagmeister & Walsh, Unterpunkt Answers.

 

Erstmals veröffentlicht am 21. Mai 2013 auf dem Blog der TYPO Berlin (hier überarbeitet). Fotos: © Gerhard Kassner – vielen Dank.