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Zur Sache, Kinder

Treffen sich ein Deutscher, ein Holländer und ein Italiener beim ADC: weil bestimmte Berliner Büros, bestimmter Journalismus und Apostrophe so lekker sind.

Berlin, Museum für Kommunikation, Donnerstag der 21. Februar 2013: ADC Night of Honour. Glanz, Glamour, Gloria. Erik Spiekermann nimmt die höchste Auszeichnung des Art Directors Club Deutschland entgegen, für sein Lebenswerk – und nutzt seine Dankesrede für wertvolle Hinweise an alle, die in Agenturen arbeiten. (Die Kurzform: Apostrophe sind schön, Pitches sind doof und Auftraggeber heißen Auftraggeber.)

Neben ihm wurden als Einzelpersönlichkeiten Giovanni di Lorenzo und der Künstler Erwin Wurm ausgezeichnet. Letzterer erschien nicht persönlich, sondern auf Leinwand eingebeamt. Auf die Frage, wie man gute Ideen von schlechten unterscheide, sagt Wurm: „Dabei hilft die Zeit“ – eine schöne Überleitung zu Giovanni di Lorenzo, der die Geschichte seines Blattes resümiert: „So ist DIE ZEIT zu einer ganz großen Europäerin geworden.“

Die fatale Lust am Lästern

Zum Glück hatten wir da schon Vorspeisen (und Vorgetränke) intus. Chefredakteur di Lorenzo berührt und überzeugt damit, wie er seine Haltung zur deutschen Medienlandschaft beschreibt und sie mit der (für ihn kaum aushaltbaren) in seinem Herkunftsland Italien vergleicht. Doch sieht er bei uns einen „lustvollen Hang zur Selbstdemontage“. Dabei haben wir „in Deutschland noch immer eine der besten Medienlandschaften der Welt“. Dessen sollten wir uns bewusst sein, das sollten wir entsprechend würdigen, hegen und pflegen, politische Prozesse ernsthaft beschreiben und sie nicht – hier beobachtet di Lorenzo eine fatale Entwicklung – ständig „entpolitisieren und skandalisieren“. Denn was sei damit gewonnen, mal wieder jemanden „zur Strecke gebracht“ zu haben?

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Feminisierter Journalismus?

Vielleicht hat seine unfreiwillige Verpflanzung von Rom nach Hannover im Kindesalter – auf gemeinsame Wurzeln in dieser so „langweiligen Stadt“ verweist launig seine Laudatorin, Dr. Ursula von der Leyen – den Blick von Giovanni di Lorenzo sensibilisiert. Der Blick der CDU/CSU-Bundesministerin wiederum auf DIE ZEIT ist, wie sie betont, positiv geprägt auch durch di Lorenzos „Gender“-sensible Personalpolitik (falls es denn eine bewusste Strategie ist): 30 Prozent der Führungspositionen bei der ZEIT hat er mit Frauen besetzt. Ist das nun „feminisierter Journalismus“? Oder ein Grund dafür, dass DIE ZEIT als einziges deutsches Blatt (!) schwarze Zahlen schreibt (!!) und steigende Auflagen (!!!) verbucht?

Hannoveraner unter sich: Bundesministerin von der Leyen und ADC-Auftraggeber des Jahres 2013, Giovanni di Lorenzo, für DIE ZEIT.

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Viel Stoff zum Nachdenken. Doch dafür ist kaum Zeit, wir sind mit dem Hauptgang beschäftigt und nähern uns den Höhepunkten des Abends.

Luc(as) de Groot hat keine Schriften für DIE ZEIT oder die CDU/CSU gestaltet, sondern für das Nachrichtenmagazin Der Spiegel, für die taz, die ARD und – ja! – die SPD. Heute ist er hier in seiner Eigenschaft als Wegbegleiter von Erik Spiekermann, als einer der vielen, die eine Zeit lang unter dessen Fittichen waren: „Vor 21 Jahren stand auf einmal der Erik in Amsterdam hinter mir, er sah was ich machte, und flüsterte mir ins Ohr: ,Magst du nicht nach Berlin kommen, es ist da schöner und du kriegst ein bisschen mehr Geld.‘“

Gouda und geheime Bars

In Berlin gab es dann sofort „tolle Projekte; Piktogramme und Schrift für die BVG, eine Zeitschriftenreihe und die Erweiterung der Schrift Meta in die MetaPlus“, einen Koch, der jeden Tag Essen machte, „dazu Wasser und guten Kaffee ohne Ende, Restaurants und Supermärkte mit Gouda in Laufnähe“. Erik nahm Lucas mit zu Auftraggebern, „in ferne Länder, unterirdische Geheimbars“ – doch das nur am Rande, denn de Groot ist hier, „um Euch zu erklären, warum er diesen Preis zu früh und auch zu spät bekommt. Zu früh, weil er noch mitten im Arbeitsleben steht, sein Büro Edenspiekermann floriert … Sein Lebenswerk ist noch lange nicht fertig!“

Laudator Luc(as) de Groot und sein ehemaliger Chef, der Preisträger des „ADC Lebenswerk“: Erik Spiekermann.

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Überall die Finger in der Soße

Kleiner Exkurs: „Art-Direktoren wohnen in Düsseldorf, habe ich mal gehört, also willkommen Düsseldorf! Falls Sie mit dem Flieger gekommen sind, wurden Sie am Abflughafen von einem ausgeklügelten System geleitet: Erik steckt dahinter. Sind Sie mit der Bahn gefahren, haben Sie auf jeden Fall Drucksachen der Deutschen Bahn unter die Augen bekommen: Corporate Identity und Corporate Schrift unter Eriks Federführung. Das letzte Stückchen sind Sie dann vielleicht mit der BVG gefahren (…). Falls Sie mit dem Auto gekommen sind, war das natürlich ein Audi oder ein Volkswagen, bei dessen Corporate Design Erik auch schon mehr als einen Finger in der Soße hatte.“

Lekker Bürotje

Luc de Groot erinnert sich an die Zeit bei MetaDesign, wo es ihm „und vielleicht auch Erik“ eines Tages zu groß wurde. Der „startete noch mal neu, United Designers, SpiekermannPartners, und jetzt (…) heißt seine Agentur Edenspiekermann, frisch in die Potsdamer Straße eingezogen. Ein großartiges Büro, halb offene Räume, wo sowohl Kommunikation untereinander als auch konzentriertes Arbeiten möglich ist. Gute Lage, gute Atmosphäre, gute Leute. Mit etwa 65 Jahren hat Erik nun in Berlin etwa 65 Mitarbeiter um sich geschart, eine Größe wo man noch mit allen zusammen eine Festmahlzeit und eine wilde Party feiern kann. Er kennt alle beim Namen, und wenn er da ist, läuft alles leckerer.“ (Anm. d. Red.: holländisch „lekker“ bedeutet wahlweise lecker, schön, gut, sehr gut, ganz toll, spitzenmäßig…)

Kommunikationsvision statt Kampf mit Kurven

„Eins von Eriks vielen Talenten ist es, gute Leute um sich herum zu sammeln. (…) Es war und ist eine große Freude, mit ihm zu arbeiten. Kennt ihr Erik vielleicht als Schriftgestalter? Die Schriften Meta, Officina, Info, Axel, Unit, die Bahnschrift … Wunderbar, aber Erik ist nicht derjenige, der sich monatelang hinter einen Bildschirm verkriecht, um mit Kurven und Technologie zu kämpfen. Eriks Gabe ist es, mit guten Leuten zusammenzuarbeiten, um etwas viel Größeres hinzukriegen als es der Einzelkämpfer vermag. Er hat eine Kommunikationsvision und baut Netzwerke, um das zu realisieren.“

Damit verweist de Groot auf weitere Spiekermann’sche Gründungen wie den FontShop und die TYPO Berlin (heute auch in London und San Francisco) und dass Erik nach wie vor an diversen Standorten präsent ist: „Er verteilt sein Glück zusätzlich über die Filialen in Amsterdam, San Francisco, Stuttgart und London.“

Das große Corporate Design

Jedoch, so de Groot im Kernpunkt seiner Laudatio, sei Erik nicht nur ein „Typo-Nerd“, Typograf und Schriftentwickler: „Sein eigentliches Lebenswerk – das, was ihn von Werbeagenturen und Schriftdesignern unterscheidet – ist das große Corporate Design, in dem Typografie eine Hauptrolle spielt.“

Den Menschen charakterisiert er wie folgt: „Eriks größten Talente kommen direkt aus seinem blitzschnellen Gehirn. Mit seinem scharfen Auge und seinem genauso scharfen Mundwerk kombiniert er großes Wissen mit Witz, er leitet, begleitet und streitet fair. Er schreibt, viel und gut, sehr kompakt (…). Eine viertel Million Fans in aller Welt folgen seinen Tweets. Ein Sammler, Menschenverbinder, Inspirator, Kommunikator und Vater. Großvater und großer Vater.“

Abschließend stellt Lucas fest: „Diese sieben Minuten sind natürlich viel zu kurz, um Eriks Lebenswerk zu offenbaren, das braucht ein dickes Buch, bitte.“ Und lässt den zweiten Teil der Erklärung folgen: „Erik bekommt diesen Preis auch zu spät, weil er schon vor zehn Jahren ein Lebenswerk erschaffen hat, wofür andere talentierte Leute zwei Leben brauchen.“

Puh. Applaus, Preisübergabe, Blitzlichtgewitter.

Die Emotionen kochen hoch. Und es kommt noch schlimmer: Erik tritt ans Rednerpult.

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Einmal mehr: Auftraggeber und Kunden

„Kinder, so geht das nicht.“ So geht es wirklich nicht. Da war ein falscher Apostroph im Vorspann, auf der Riesenleinwand „bei diesem ADAC oder wie das heißt“. Und das ist längst nicht alles: Zum x-ten Mal (vielleicht zum ersten Mal vor größerem Publikum) erklärt Erik Spiekermann mit der ihm eigenen Vehemenz, dass es nicht „ADC Kunde des Jahres“ sondern natürlich „Auftraggeber des Jahres“ heißen muss, „Auftraggeber, nicht Kunde!“. Bei Edenspiekermann wissen wir (mittlerweile): Auftraggeber sind die, die uns den Auftrag geben, etwas für ihre Kunden zu tun – „im Englischen client und customer, Mensch, Leute!“.

Ein Apostroph ist ein Apostroph ist ein Apostroph – und Auftraggeber heißen Auftraggeber! Kunden sind was anderes.

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Teeren und federn

Eigentlich wollte er gar nichts sagen, doch das treibt Erik Spiekermann zu einer flammenden Rede. Wo er gerade dabei ist: Lieblingsthema Nummer 2, Pitches. Das Wort Pitch käme von Teer, „also teeren und federn, wie im Mittelalter“ – was man mit all denen machen solle, die allen Ernstes noch an kostenlosen Pitches teilnehmen oder solche ausschreiben oder das von den Agenturen verlangten, was das denn für einen Sinn habe, wenn Auftraggeber 20 Agenturen antanzen lassen für umme, er verweigere sich dem, „das machen wir nicht mit“, und wer das mitmache, sei selber schuld, das habe einfach keinen Sinn … Das geht alles so schnell, dass das Publikum kaum mitkommt.

Macht nichts. Eriks Pointen kommen rüber. Die Essenz seiner fulminanten Rede auch: „Also, Leute, Kunden heißen Auftraggeber und gepitcht wird nicht.“

Punktum!

PS

Eine kurze Notiz dazu auf Eriks Spiekerblog. Hier die Website des ADC Deutschland und die Pressemeldungen des ADC Deutschland zur Night of Honour. Beiträge dazu auch in der W&V, auf horizont.net und im Markenartikel-Magazin.

Viel wichtiger: Erik Spiekermann erklärt den Unterscheid zwischen „Auftraggebern“ und „Kunden“ auf seinem Blog (erschien auch auf dem Blog von Edenspiekermann, auf dem Spiekerblog finden sich aber eine Reihe hübscher Kommentare). Des Weiteren sei an dieser Stelle aus einer Vielzahl von Publikationen und Interviews ein besonders geglücktes erwähnt: FormFiftyFive stellt ihm zauberhafte Fragen und Erik antwortet: „I’m Erik Spiekermann from Berlin“ (Kurzbeitrag dazu auf dem Blog von Edenspiekermann) – Filminterview (auf Englisch) von FormFortyFive. Gute Fragen stellte ihm allerdings auch die PAGE (in ihrer Ausgabe 05.2013 zum Titelthema „Krisenmanagement für Gestalter“) in einem geradezu tiefenpsychologisch angelegten Interview: zum Beispiel nach der größten Krise, die er je erlebt hat.

Eine Auseinandersetzung lohnt auch der Begriff „feminisierter Journalismus“, gefunden in der Kolumne von Jan Fleischhauer: „S.P.O.N. – Der Schwarze Kanal: Von Frauen und rosa Eiern“. Der Kapitalismus werde „in Zukunft femininer und damit viel freundlicher. Die „Verweiblichung der Wirtschaftswelt“ sei lediglich „eine Frage der Zeit“. Fleischhauers bester Satz: „Man kann gar nicht genug von der Quote erwarten.“ Es gehe wohl „nicht nur darum, in deutschen Unternehmen für mehr Geschlechtergerechtigkeit zu sorgen, sondern ganz grundsätzlich den Kapitalismus zu zähmen“. Frauen seien „weniger hierarchiebesessen als Männer. Sie streben mehr nach einer sinnvollen Aufgabe als nach Macht (…). Familiengerechter sind sie allemal.“ Es gäbe sogar Indizien, so Fleischhhauer, „dass eine weiblichere Wirtschaft krisenfester wäre“. Das Blöde am Geschlechterunterschied allerdings sei, „dass er sich nicht nur im sozialen Verhalten zeigt“. Jan Fleischhhauer auf Twitter: @janfleischhauer.

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Erstmals veröffentlicht am 24. Februar 2013 auf dem Blog von Edenspiekermann, hier überarbeitet. Fotos: © ADC Deutschland – vielen Dank.