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Godfather, geerdet

Den Fortgeschrittenen im Auditorium muss man nichts über Brody erzählen. Auf der TYPO 2013 betritt Gottvater die große Bühne: bodenständig as hell.

Freitag Abend, letzter Vortrag: Petra Weitz, selbst Frau der ersten Stunde, versucht, Neville Brody vorzustellen. Er unterbricht sie immer wieder launig – und stellt schließlich Petra vor: Beide waren sie dabei, als der FontShop, als die TYPO, als FUSE startete. Brody ist tatsächlich so etwas wie die „Seele der Bewegung“ (Sabine Gruppe), Dreh- und Angelpunkt für viele(s). Heute leitet er die Research Studios am Royal College of Arts in London und kuratiert das Anti-Design-Festival. Am 17. April 2013 tritt er im Rahmen der TYPO Berlin im Haus der Kulturen der Welt auf, große Halle.

Die „Seele der Bewegung“ kommt verdammt erdig daher. Brody geht auf festem Grund, und er geht auf Tuchfühlung. Einer wie er bewegt sich nicht im luftleeren Raum. Mit ihm wird der Name der TYPO Berlin 2013, „touch“, lebendig. Er bezieht sich auf sein Umfeld und er bezieht es mit ein; überlegt etwa laut, ob Erik (van Blokland) in der letzten Reihe wohl schon schläft und er deshalb leise sprechen solle. Er freut sich über ein Baby im Publikum, das zwischendurch zu hören ist, und lächelt, als es noch einmal glücklich aufgluckst.

Punk not dead

Als erstes empfiehlt Brody eine Ausstellung in Berlin, die er just gesehen und die ihn offenbar berührt hat: Martin Kippenberger (im Hamburger Bahnhof). Kippenberger hat bis 1997 gelebt und gearbeitet, im gleichen Jahr fand die letzte FUSE-Konferenz statt, so Brodys Überleitung, und er zeigt Arbeiten aus seiner College-Zeit: „all done by hand“, alles „pre-computer“, also bestens passend zum Konferenzthema „touch“. Mit seinem Titelthema „Towards Level 2“ und der Ebene 2, auf die wir uns hinbewegen, meint er, dass das Digitale „just an enabler“ sei: Es gehe darum, darüber hinaus zu kommen. Wieder mit dem Physischen in Kontakt zu kommen.

Let’s get beyond

Social Media bezeichnet Brody als anti-soziale Medien, die Publikations- und Selbstdarstellungsdruck erzeugen. Das sei der Vorteil gewesen früher: Ideen hätten Zeit gehabt zu reifen, sich zu entwickeln, „there was an underground of thinking“. Die Musikindustrie sei auch „underground“ gewesen, und damit wichtiger Inspirator und Triebfeder für ihn – wie auch für seine Landesschwester Kate Moross, der er dankt für ihren Vortrag. Das passt, knüpft sie doch sowohl ästhetisch als auch punk- und produktionstechnisch an Brody und die 1980er Jahre in England an.

Brody allerdings sei jetzt beim Wiederentdecken seiner alten Werke geradezu geschockt gewesen davon, wie sie damals gearbeitet hätten: „Each piece of work took hours and hours and hours …“ Aber die „vibrant music industry“ hat ihn offenbar für einiges entschädigt. Er zeigt sein erstes Platten-Cover, The Motors, von 1980.

Kosmischer Gesamtzusammenhang

An dieser Stelle erinnert sich die Autorin an ein Schlüsselerlebnis: Eine meiner Lieblingsbands der 80er waren – sind! – die Bongos. Ich hatte sie nur auf Tape, aufgenommen von einem Freund, der sogenannte „rare Indie-Importe“ aus USA bezog (Vinyl, versteht sich). Brody kannte ich von seinen Wahnsinnsschriften und seinen unfassbar guten Layouts für das Magazin The Face, dessen Art Director er damals war (und später der Arena, dem ersten Modemagazin für Männer). Was für ein Wahnsinnsmoment, als ich die Bongos-Platten im Original in der Neville-Brody-Ausstellung damals in London entdeckte. Ein kosmisch-kultureller Gesamtzusammenhang tat sich auf.

Okay. Und nun, hier und heute?

Politik und Poetik

„We need to simply incorporate digital in what we do“, sagt Brody 2013. Und, ganz wichtig, dass wir in Kontakt kommen sollten, wirklich kommunizieren und auf Tuchfühlung gehen sollten mit den Leuten, mit denen wir zu tun haben: „we get to touch the people that are in touch with us, that we communicate with.“

In der Postmoderne sei es um Fassaden gegangen, so Brody. In seinem Studio jedoch begreife man bis heute Typografie „in a more poetical way. We try to think about how we can be more expressiv, more poetic.“

Ein Appell also, dass man wieder etwas riskieren solle, sich dem Effizienzdruck verweigern, der beispielsweise insbesondere – und das ist vielleicht auch wieder very British, oder British Punk – von der Regierung ausgeübt werde, indem sie zum Beispiel die finanziellen Mittel von Kunsthochschulen einschränke, bestimmte Fächer bevorzuge, andere abschaffe und auf andere Weisen eingreife in kulturelle Prozesse. Brody ist es ernst. Das Auditorium hört aufmerksam zu. Ich habe The Clash im Ohr, und ich bin bestimmt nicht die einzige. Politische Einsprengsel durchziehen Brodys gesamten Vortrag. Alte Schule halt. England halt, Klassenbewusstsein, und die Rebellion dagegen. Doch kulturrestriktive Regierungsentscheidungen kennt man nicht nur in England.

Dem Risiko Raum geben

Brody berichtet vom Tagesgeschäft. In seinem Studio versuche man, „das Digitale“ wirklich zu inkorporieren und für einen künstlerischen Ausdruck zu nutzen, der extrem analog daherkommt: „We are trying to get digital stuff more fluent“ – und letztlich sei es doch egal, welche Werkzeuge man benutzt. Wichtiger Punkt! Und eh klar, deswegen kann man sich davon auch gleich wieder abwenden. Lieber nochmal politisch werden, anhand der Frage, „How do you measure creativity?“.

„The British Government is obsessive about this“, neben den Kunsthochschulen werden zum Beispiel Theater damit drangsaliert, dass man Besucherzahlen zähle und Finanzmittel davon abhängig mache. Brody dagegen mag „broken stuff“, „I like stuff that fails and teaches you something different“. Dies eröffne neue Dimensionen.

Doch wie wir alle wissen, wollen Auftraggeber Sicherheit. Geldgeber wollen wissen, was sie für ihr Geld bekommen. Kreativität sei zur Dienstleistung geworden. Das übrigens mag er an Berlin, sagt er, dass man hier bereit sei, Risiken einzugehen (was bleibt uns auch).

Und noch ein politisches Zitat: „In order of having maximum markets, markets have to be simplier“, im Zusammenhang damit verweist er auf ein Werk von Dieter Roth in der aktuellen Kippenberger-Ausstellung („The 8 stages of depression“). Mit einem Plakat erinnert er an eine andere Ausstellung in Berlin „about embedded artists during the war“ und zeigt das Plakat „Free me from Freedom (and give me liberty)“. Der Mann denkt, agiert, gestaltet permanent in Zusammenhängen.

Content Design im Sinne der Sache

Trotz allem sieht er ästhetisch immer noch und immer wieder solide, seriöse Möglichkeiten, Erwartungen zu erfüllen – und sie gleichzeitig zu unterlaufen: indem er in ein Zeitschriften-Cover „I hate design“ als Buchstabenrätsel einbaut oder eine Zeitung letztlich komplett neu gestaltet, ohne dass die Leserschaft aufschreit.

Das Geheimnis? „Understand behaviour in a digital space and than bring it back.“ Zum Beispiel sei eine Zeitung wie ein Theater: „each day there are new stories to tell, we gave them a stage, different kinds of contents“ – lasst uns eine Bühne bereiten für die Inhalte, die dargeboten werden. Allerdings habe er für die Umsetzung dann erst einmal die Journalisten geschult. Stichwort „Content Design“ – hier werden Inhalte gestaltet, nicht nur ein äußeres Erscheinungsbild.

Auch die Schrift für den Film „Public Enemies“, basierend auf einer Vorlage aus den 1930er Jahren, führt Brody direkt zu der Tatsache, dass es in Großbritannien heute „the biggest distance between the rich and the unrich since Victorian times“ gibt. Conclusio: „We have to get rid of our government.“

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Fusionen aller Art

Einen Auftrag für das Royal College of Art („175 Years of Excellence in Art and Design“) hat Brody gern angenommen, weil dort nicht inter- sondern post-disziplinär gearbeitet würde (ein Ansatz den er auch bei Kate Moross sieht); hier werde ein hybrider Raum geschaffen, in dem Menschen mit unterschiedlichem fachlichen Hintergrund zusammenarbeiten und sich gegenseitig inspirieren könnten – egal, mit welchem künstlerischen Produkt sie ihren Ideen letztlich Ausdruck verleihen.

Für das Royal College of Art entstand der Calvert Brody Stencil Font, der alle Bereiche umfasst, on- und offline, Bildschirme bis Gebäude- und Fensterglasbeschriftung. Die historische Basis der Schrift und ihre zeitgemäße Umsetzung, „extrem graphic and industrial“, verbinde jeden Raum des College und verweise einmal mehr auf die physische Berührung. Weitere Arbeiten (für die BBC, diverse Magazine) untermauern diesen Ansatz: „Create a system to allow them to connect everything.“

Und nun kommen wir zu FUSE, endlich, der legendären Reihe von, ja, letztendlich multimedial dargebotenen Schriften, die analoge und digitale Gestaltung verbanden, die jede Diskussion dazu letztendlich längst obsolet gemacht haben, weil sie damals schon bewiesen, dass das bestens funktioniert – ästhetisch-künstlerisch und letztendlich auch (intentional oder nicht) marktstrategisch.

Die Schriftgestalter auf FUSE visualiseren mit ihren waghalsigen Ideen das politisch-analytische Examinieren von Schrift/Sprache und verweisen darauf, „how much we use language to make our lives glamorous“. Aus dem FUSE-Label gingen die FUSE-Konferenz und schließlich die TYPO Berlin hervor.

Den Mann der ersten Stunde derart „alive and kicking“ zu erleben, produktiv, handwerklich verlässlich wie immer, souverän im Umgang mit egal welchen Werkzeugen, das eigene Tun unaufgeregt reflektierend, mit ästhetischem wie politisch wachem Blick, entspannt und in ständiger Verbindung mit allen und allem, was um ihn herum geschieht – das macht richtig gute Laune. Ein sehr schöner Abschluss von TYPO-Tag 2, auf Ebene 2. Puh. So geerdet können Götter sein.

Apropos Erde. Als Konsequenz für unser aller Tun fasst Brody zusammen:

„We ought to be taking risks constantly.“

„We ought to be shouting at our governments constantly.“

„We ought to not forget the message of this conference which is to keep in touch.“

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PS

Einen Überblick über Neville Brodys Werk und Einfluss gibt Sabine Gruppe in ihrem Beitrag „Seele der Bewegung“ auf dem Blog der TYPO Berlin.

Die legendären FUSE-Fonts sind jetzt in Buchform zusammengefasst. Sie gelten als „the first real exploration space for typography“ und haben vieles vorweggenommen, was wir heute diskutieren: die Verbindung von körperlicher Bewegung/Erfahrung mit Sprache und Schrifterstellung, von analogen mit digitalen Werkzeugen, die Kombination künstlerischer mit gestalterischen und theoretischen Ideen zur Funktion von Schrift, Mittel der Abstraktion, Dekonstruktion, „language as pattern“, Verfremdung und Zufall als gewollte Gestaltungselemente und so vieles mehr. Im Taschen Verlag erschien als von Neville Brody gestaltetes Buch „Das Comeback der experimentellen Schriften“; es umfasst die FUSE-Ausgaben 1 bis 18 inkl. 10 Poster der unveröffentlichten Ausgaben 19 und 20, zum Weiterlesen dazu der Artikel auf dem Fontblog („FUSE lebt“).

 

Erstmals veröffentlicht am 21. Mai 2013 auf dem Blog der TYPO Berlin (hier erweitert). Fotos: © Gerhard Kassner – vielen Dank.