Im Rahmen der 10. artspring berlin im Verwalterhaus: meine Anagrammmanuskripte verkörpern das Thema der Ausstellung und fangen sich selber gleichzeitig ein.
Anagramme sind Wörter oder Wortfolgen, entstanden durch das Umstellen von Buchstaben eines Ausgangstextes. So können aus der Liebe Beile werden, ist Gras ein Anagramm von Sarg, und Augen – genau. Im Frieden steckt eine Fee drin.

Bei mir beginnt es mit einem Satz oder meist einem Satzfragment, einer kurzen Sentenz, die sich aufdrängt.

Beispiele für Ausgangszeilen: Die Erde hat nicht auf uns gewartet und Die besten Texte entstehen in größter Not, eine These, die ich in einem meiner Vorträge ausführe.

Aus manchen Ausgangszeilen und mehrseitigen Manuskripten werden tatsächlich Gedichte, etwa Sich stören am andern und Keine Enten in Sicht, Wind.
Im wunderschönen (ehemaligen) Verwalterhaus am Alten St. Marien- und St. Nikolai-Friedhof am Fuße der Prenzlauer Allee, an der großen Kreuzung Ecke Tor-/Mollstraße, nahe Alex, fällt man in eine verzauberte Welt. Das verwitterte, zweigeschossige Häuschen wird seit wenigen Jahren kuratorisch neu bespielt; hier finden Kunst, Lesungen und Konzerte ihren Platz. Meine Wolke aus Anagrammmanuskripten hängt im ersten großen Raum an einer Wand mit Blick auf den Friedhofsgarten.

Meine Anagrammmanuskripte wunderschön zur Wolke gehängt von Jan Gottschalk und Judith Kuhlmann von artspring berlin.
Ich schreibe seit rund 30 Jahren Anagramme. Wobei schreiben der falsche Ausdruck ist; Anagramme kann man nicht schreiben, man kann sie bauen, zusammensetzen, man sucht und man findet sie, und sie uns. Meine ersten Versuche führten zu kaum mehr als ein, zwei Wörtern oder Zeilen, meine Ungeduld und Zeitnot in den ersten Berlin- und Berufsjahren dazu, dass ich sie schnell beiseite legte – vorläufig. Aber das Feuer hatte mich damals schon gepackt, es muss um 1997, ’98 gewesen sein.
Meine Arbeitsweise im Anagrammieren hat sich seitdem nicht geändert. Ich habe lediglich an Übung gewonnen, und gebe den Anagrammen mehr Zeit, ich habe noch mehr Vertrauen in die Sprache, was bedeutet, dass ich weniger ungeduldig und vor allem zuversichtlich geworden bin, dass es gelingt, dass das Material etwas hergibt, etwas von sich zeigt, die jeweilige Zeile aufgeht – ich erkenne dies schneller und meist gleich zu Anfang, oder anders: Ich spüre das Potenzial, das in einem Ausgangstext steckt.
Mein Anagrammieren beginnt mit einem Satz oder Satzfragment, einem Gedanken, der mir in einer bestimmten Formulierung in den Sinn kommt, und nicht mehr weggeht. Er drängt sich förmlich auf. Also schaue ich ihn genauer an: Warum macht er sich bemerkbar? Was steckt dahinter, darin? Wie finde ich es? Meine Kerntechnik: Wörter anstarren. Irgendwann schauen sie zurück, und dann passiert etwas. In der Interaktion zwischen der Sprache und mir geschieht neue Bedeutung. Wörter und Wortfolgen kommen in Bewegung, entwickeln eine eigene Dynamik, einen soghaften Rausch. Dafür benötige ich Zeit zur Vertiefung und: Handschrift. Handschrift ist mein Denkwerkzeug. Mein Anagrammieren ist ein handschriftliches Wühlen im Wortmaterial.

Sachen unbedacht machen (links im Bild) eignet sich vielleicht besser für eine andere Gedichtform, zum Anagrammieren gibt das Material recht wenig her.
Meine Anagrammmanuskripte mögen haltlos, planlos, ausufernd wirken, in wilder Bewegung, machen jedoch langwierige Prozesse sichtbar, die strengen Regeln folgen. Anteile von Semantik lugen schon in den ersten Ansätzen hervor.
Sehr präzises und dabei intuitives Vorgehen ist nötig, um aus Bestehendem neue Wörter, neue Bedeutung zu destillieren: ein Balanceakt zwischen entgrenzen (lassen) und zielgerichtetem Umgang mit dem Begrenzten. Tage- und nächtelang, meist ein, zwei Wochen am Stück und zum Teil über Monate, Jahre, wiederkehrend, ordne ich die gegebenen Buchstaben neu an. So manches Manuskript ruht zwischendurch jahrelang, bis ich es wieder hervorhole und weiterführe. Schließlich wähle ich – meist aus mindestens drei, vier, oftmals mehr Manuskriptseiten (und Werketappen) – Zeilen aus, in denen exakt alle Buchstaben der Ausgangszeile vorkommen (kein Buchstabe mehr, keiner weniger, keiner doppelt), sortiere und verbinde sie; so wird daraus (vielleicht) ein Gedicht. Nicht alle Fragmente finden sich darin wieder, manche verweilen als poetische Reste im Manuskript.

Manche Anfänge sind vielversprechend, lösen sich aber wieder auf, lassen sich nicht absehen, müssen zwischendurch lange ruhen… oder bleiben Versuche.

In jedem Fall ist das Anagrammieren immer ein Abtauchen in Abgründiges – mit ungewissem Ausgang. Kein Ende in Sicht.
Die Ausstellung im Verwalterhaus versammelt Arbeiten, die sich nicht eindeutig begrenzen lassen, heißt es bei artspring berlin. Manche Arbeiten dieser Ausstellung bleiben nicht bei sich. So auch meine Anagrammmanuskripte und -gedichte: Sie hören nicht dort auf, wo ihre Form zunächst endet, sondern verschieben sich, setzen sich fort oder verändern, was sie sind. (…) gefundene Materialien verbinden sich zu neuen Formen. Die Dinge lösen sich aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang und gehen in einen anderen über. Und dann gibt es Arbeiten, die nicht auf einen Abschluss hin angelegt sind. Sie entstehen in Wiederholungen, in Reihen, in Varianten. Hier zeigt sich Ausufern weniger als Ausdehnung im Raum, sondern als Fortsetzung ohne klaren Endpunkt. Meine Anagrammgedichte zeigen genau das: unendliche Möglichkeiten der Sprache, unendliche Möglichkeiten, sich fortzusetzen. Etappenweise zu fester Form finden, ohne dass diese Form die einzig mögliche wäre – wie beglückend. Bei der Offenen Bühne am 28. Mai lese und erkläre ich meine Anagrammgedichte und wie sie entstehen.
Ausufern setzt voraus, dass es überhaupt etwas gibt, worüber hinausgetreten werden kann. Ein Rahmen, eine Funktion, ein Format, eine Serie. So entsteht kein einheitliches Bild des Ausuferns. Das Ufer ist noch da, aber es wird überschritten.
Mit Arbeiten von: Anne Christina Bachschuster, Christine Contzen, Manja Dornberger a.k.a. RUMPELSTIL, Niki Elbe, Enzo Enzel, Manfred Fuchs, Dagmar Gester, Christoph Gerzymisch, Esther Glück, Johanna Grotzke, Alex Katsuragawa, buffy klama, Stefan Kraft, Sonja Knecht, Ulrike Lachmann, Andrea Lein, Thomas Möller, Anja Nolte, Oliver Orthuber, Annekathrin Pischelt, Nele Probst, Nicole Sauerbrey, Raimund Schucht, Christian Sommer, Ramona Taterra und Paola Telesca.
Ausufern
artspring berlin im Verwalterhaus
Prenzlauer Allee 1, Ecke Mollstraße (nahe Alexanderplatz)
10405 Berlin-Prenzlauer Berg
17. Mai bis 7. Juni 2026, Do–So 14–18 Uhr
Lesungen am Donnerstag, den 28. Mai ab 19 Uhr
