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Der Schmelz der Wörter

Boris Vian wäre heute hundert geworden. In seine wenigen Tage packte er so viel Schaum, wie nur ging.

Was er mit Wörtern machte, hatte vielleicht mit dem Schmerz baldigen Verschwindens zu tun, und mit der wilden, fröhlichen Entschlossenheit, das Leben auszukosten. Heute vor 100 Jahren wurde Boris Vian geboren. Er starb mit 39 Jahren an einem Herzleiden. Seine Bücher waren meine erste große literarische Liebe.

Nach einem Zufallsfund bei einem Freund („kannste behalten, komisches Buch“) und meinem ungläubigen Staunen angesichts der ersten Sätze von Der Schaum der Tage (L’Écume des jours) war es um mich geschehen. Fassungslos, begeistert war ich. Da schienen von zwei Seiten Sonnen ins Zimmer. Weil die Hauptfigur es so liebte, das Licht.

Auf Deutsch war damals kaum etwas zu finden zu Boris Vian. Ich fieberte jedem seiner Bücher entgegen und belegte bald vier Semester Französisch an der Uni, in dem Versuch, die Sprache zu lernen (gescheitert), Originale zu lesen (nie) und mir wenigstens den Klang französischer Namen vorstellen zu können. Das literarische Werk von Boris Vian wurde nach und nach herausgebracht von Klaus Völker bei Zweitausendeins, in der sehr guten Übersetzung von Antje Pehnt. Später gab es einen Wechsel und damit leider einen Übersetzungsbruch in der Edition; die Sprache wurde nach meinem Empfinden gewollt modern und stimmte nicht mehr für Vians Stil und für die Zeit, in der er geschrieben hat. Merkt euch Pehnt/Völker und besorgt euch diese ersten Ausgaben. Vian war außerdem Lyriker und Jazzmusiker. Er spielte Trompete, so lange er durfte.

Die Vorrede zum Schaum der Tage.

Der Schaum der Tage von Boris Vian, übersetzt von Antje Pehnt und herausgegeben von Klaus Völker bei Zweitausendeins, 1979. Titelbild von Art Spiegelman.

Ich war damals 16. Heute wird mir bewusst, dass die Ungeheuerlichkeit von Vians Schreiben und Denken darin lag, sich die Welt und das Zusammensein mit anderen so zu gestalten, wie es seinen Idealen und Wünschen entsprach. Heute würden wir Werte sagen, vielleicht. Vian war politisch motiviert; viele seiner rund 400 Gedichte thematisieren gesellschaftliche Missstände. Seine Renitenz gegen Obrigkeiten und alles Militärische lebte er zum Teil fröhlich, zum Teil drastisch aus. Das brachte ihn immer wieder in Misslichkeiten. Einen Skandalerfolg erzielte Boris Vian 1954 mit dem kriegs- und staatskritischen Chanson Le déserteur, das 1955 verboten wurde. Seine unter Pseudonym veröffentlichten Kriminalromane gerieten, dies vielleicht tatsächlich geplant oder erwartet, in Verruf, führten Vian aber auch zu ungeahntem, nicht intendiertem Ruhm auf diesem Gebiet.

Die Spiralen auf dem Revers kennzeichnen Boris Vian als Anhänger der pataphysischen Bewegung; er war deren Mitbegründer. Mehr dazu im Abspann.

Boris Vians Krimis waren extrabrutale Persiflagen auf US-amerikanische Reißer, als deren Übersetzer er sich ausgab. Sie wurden Bestseller in dem Genre. Der bereits sehr Geschwächte starb 1959 während einer Voraufführung von Ich werde auf eure Gräber spucken (J’irai cracher sur vos tombes). Es war gegen seinen Willen und abweichend vom Drehbuch verfilmt worden, er wohl nur widerstrebend, von Freunden überredet, mit ins Kino gegangen.

Für diejenigen, die den zarten, traurigen, latent absurden Schmelz von Der Schaum der Tage nicht verkraften, überhaupt für alle, die ihn nicht kennen, als möglicher Einstieg: Lest Boris Vians Kurzgeschichten und als erste Die Ameisen.

Möge er in Frieden ruhen. Wahlweise aus voller Brust Trompete spielen. Unter mindestens zwei Sonnen, versteht sich.

Boris Vian spielt die Jazztrompete im Club Saint-Germain in Paris (Photo Keystone-France/Gamma-Keystone via Getty Images)

So beginnt Der Schaum der Tage.

Das Originalmanuskript von L’Écume des jours (wörtlich: der Schaum der Stunden).

Bald darauf taucht Chloé auf, es wird gefeiert wie wild, und dann wächst ihr eine Seerose in der Lunge.

Die Bände der ersten deutschen Werkausgabe (mit den Art-Spiegelman-Covern) sind im Zweitausendeins-Verlag erschienen und mit Glück antiquarisch zu finden.

Boris Vian prägte die französische Kunst- und Kulturszene. Er wurde am 10. März 1920 in Ville-d’Avray geboren und starb am 23. Juni 1959 in Paris, war Schriftsteller, Übersetzer, Chansonnier, Jazztrompeter, Schauspieler, Gründungsmitglied des Collège de ’Pataphysique und Künstlerischer Direktor der Schallplattenabteilung bei Philips. Zur pataphysischen Bewegung gehörten unter den Literaten Alfred Jarry, Michel Leiris und Raymond Queneau, später Filmemacher und bildende Künstler (Duchamp, Dubuffet, Juan Miró, Max Ernst u.v.m.), als prominentester Philosoph und Medientheoretiker Jean Baudrillard, und ja, bis heute kaum Frauen.

1941 heiratete Boris Vian Michelle Léglise, wurde Vater zweier Kinder und 1952 geschieden (nachdem sie Sartres Geliebte geworden war); ab 1954 war er mit der Balletttänzerin und Choreografin Ursula Kübler verheiratet. Nach seinem Tod geriet Vian ein wenig in Vergessenheit und gilt heute als einer der spannendsten Künstler der französischen Nachkriegszeit. Im übrigen sieht Boris Vian dem amtierenden Präsidenten Emmanuel Macron verblüffend ähnlich bzw. dieser ihm.

Wer kommt da aus der Metro?

Die Schweizerin Ursula Kübler mit Bild und Ehemann.

Boris Vian arbeitet hier offenbar an einem Gedicht oder Chanson.

Die Bücherfotos stammen von mir. Die Bilder von Boris Vian sowie das Manuskriptbild habe ich online gefunden, meist ohne nähere Angaben (über die ich mich freuen und die ich gern ergänzen würde). 2016 gab es Gelegenheit, Herrn Völker zu treffen und mich bei ihm zu bedanken:

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